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Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmächtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
Komponenten in polit-ökonomische Modelle des Parteienwettbewerbs ein-
beziehen. Das Ziel der Modellanalyse von Grossman und Helpman (2018),
die anschließend überblicksmäßig dargestellt wird, ist zu erklären, warum
ein Zoll auf ausländische Waren (Importzoll) sowohl im Interesse der Wähler
und Wählerinnen als auch der politischen Partei bzw. des Kandidaten, der
den Zoll propagiert, ist.
Grossman und Helpman (2018) stellen zu Beginn fest, dass die in den letz-
ten Jahren in hoch entwickelten Ländern gestiegene Präferenz in der Wäh-
lerschaft für eine protektionistische Außenhandelspolitik nicht mehr wie in
den 1980er- und 1990er-Jahren mit dem politischen Lobbying von Sonder-
interessengruppen wie den von Auslandseinfuhren bedrohten Industrien
erklärt werden kann. Es sind wesentlich breitere Bevölkerungsschichten, die
gegen Abhängigkeit vom Ausland und Einfuhren aus dem günstigeren Aus-
land eingestellt sind. Um diesen von Mutz (2018) für die USA empirisch do-
kumentierten Meinungswandel zu erklären, ist ein genauer Blick auf Ver-
änderungen in Politik-Präferenzen breiterer Wählerschichten nötig. Dabei
zeigt sich, dass die handelspolitischen Wählerpräferenzen sich nicht allein
am materiellen Eigeninteresse, sondern auch am Wohlbefinden der Mitglieder
jener sozialen Gruppen, mit denen sich die betreffende Person identifiziert,
orientieren. Das ist kein universeller Altruismus, sondern ein partikulärer,
indem Individuen sich nur um das Wohlbefinden jener Personen kümmern,
die ihnen ähnlich erscheinen. Durch ökonomische und kulturelle Schocks
ausgelöste Veränderungen in der sozialen Identifikation können dann uner-
wartete Sprünge in der Außenhandelspolitik auslösen.
Sozialpsychologen definieren soziale Identität als „the individual’s know-
ledge that he belongs to certain social groups together with some emotio-
nal and value significance to him of the group membership“. (Tajfel 1974,
31) Die Theorie sozialer Identität „studies how identification with a group
influences individual perceptions and behavior“ (Gennaioli/Tabellini 2018,
5). Die mit der Theorie sozialer Identität verwandte Theorie der Selbst-
Kategorisierung (Turner et al. 1987) „studies primarily which of the many
possible groups (e. g. occupational, religious, etc.) an individual identifies
with“ (ebenda). Beide Theorien gehen davon aus, dass Individuen ihre so-
zialen Bezugsgruppen nach dem Selbstwert wählen, den sie aus der Identi-
fizierung mit einer bestimmten Gruppe beziehen. Dabei müssen die Indivi-
Politische Präferenzen orientieren sich nicht allein am materiellen
Eigeninteresse, sondern auch an dem ähnlich erscheinender Personen.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven