Page - 251 - in Limina - Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
Image of the Page - 251 -
Text of the Page - 251 -
252 | www.limina-graz.eu
Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmÀchtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
geringer Qualifizierten sehen die Elite nicht mehr als berechtigte Quelle ihres
nationalen Stolzes. Es kommt zu einem Wandel im Identifikationsregime
von breit zu eng, unabhÀngig davon, ob das technischer Fortschritt oder die
Globalisierung verursacht hat. Wenn der Anteil der Elite an der Bevölke-
rung nicht zu hoch ist, wird AuĂenhandelsprotektion abrupt eingefĂŒhrt,
selbst wenn nicht die billigeren Importe der Auslöser sind.
Einstellungsverzerrung, politische Spaltung und Protektionismus
Wie Grossman und Helpman (2018) fragen auch Andrea Gennaioli und Gui-
do Tabellini (2018) nach den Mechanismen hinter der in den letzten Jahren
gestiegenen PrĂ€ferenz fĂŒr protektionistische Handelspolitik. Im Unterschied
zu jenen Autoren ist in ihrem polit-ökonomischen Modell Identifikation
nicht auf den Status bezogen, sondern beeinflusst die Politik durch Einstel-
lungen (beliefs) der WĂ€hlerinnen und WĂ€hler. Wie die Politikwissenschaft
zeigt, haben WĂ€hlereinstellungen oft die Eigenschaft, verzerrt zu sein und
(angstmachende) Fakten zu ĂŒbertreiben. So zeigen Alesina et al. (2018),
dass sowohl US- wie auch EU-BĂŒrger die tatsĂ€chliche Anzahl der im Land
lebenden Zuwanderer um ein Mehrfaches ĂŒberschĂ€tzen, wobei die Ăber-
schÀtzung in der politisch konservativen Bevölkerung deutlich höher ist.
Gennaiolis und Tabellinis (2018) Modellansatz fokussiert auf diese Einstel-
lungsverzerrungen sowie die (handels-)politischen Konsequenzen und er-
gÀnzt so Grossman und Helpman (2018).
âWhy do losers from free trade become nationalistic, hate immigrants
and turn socially conservative? Why do they vote for platforms that
include policies that seem to run counter some of their interests, such as
tax cuts or unsustainable budget deficits?â (Gennaioli/Tabellini 2018,
2)
Als Antwort auf diese Fragen entwickeln die Autoren einen wirtschafts-
theoretischen Ansatz, der erklÀrt, warum WÀhlereinstellungen politische
IdentitĂ€ten reflektieren und ökonomische und/oder kulturelle Schocks groĂe
VerĂ€nderungen in den politischen PrĂ€ferenzen quer ĂŒber verschiedenste Be-
reiche induzieren können. Die zentrale Idee dabei ist
âthat voterâs beliefs are shaped by endogenous social identities. Individ-
uals routinely identify with a group of people or a party with similar val-
ues and interests. Once they do so, they âdepersonalizeâ: they attenuate
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven