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Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmächtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
wenn der Wähler von seinem individuell optimalen Steuersatz, Zollsatz und
kulturpolitischen Instrument zur Instrumentenkombination seiner Eigen-
gruppe wechselt. Der Intergruppenkonflikt wird durch den Nutzenverlust
erfasst, den die Eigengruppe durch den Wechsel zur Fremdgruppe erleidet.
Addiert man die beiden Nutzenverluste, erhält man die relative Distanz zwi-
schen dem Individuum und seiner Eigengruppe. Das Individuum fühlt sich
der Eigengruppe ähnlich und identifiziert sich leicht mit ihr, wenn die rela-
tive Distanz gering ist. Das ist der Fall, wenn der Konflikt mit der Eigen gruppe
gering im Vergleich zum Intergruppenkonflikt ist.
Die Stärke des Konflikts zwischen den Gruppen im Vergleich zur Überein-
stimmung mit der Eigengruppe bildet der Parameter
λ
>
0
ab und fungiert,
wenn er groß genug ist, als Triebkraft für die Identifikation aller Individuen
mit nur einer der drei Dimensionen.
Zwei weitere Parameter, nämlich γ > 0 und α > 0 , steuern die Modell-
ergebnisse. γ misst die Bedeutung des Konflikts über den Außenhandel im
Vergleich zum Einkommenskonflikt und α die Schwere des Konflikts be-
züglich Kultur im Vergleich zum Einkommenskonflikt. Ein größeres γ för-
dert Identifikation entlang der Handelsdimension und verschärft den han-
delspolitischen Konflikt. γ nimmt zu, wenn die Individuen als Beschäftigte
im importkonkurrierenden Sektor schärfere Auslandskonkurrenz fühlen,
wenn die Preiselastizität der Importnachfrage sinkt und die Wohlfahrts-
kosten der Einkommensbesteuerung steigen. Mit einem größeren α neh-
men die kulturpolitischen Auseinandersetzungen zu. α wird größer, wenn
die Nutzenkosten progressiver Kulturpolitik und der Einkommensbesteu-
erung steigen. Sind nun die Einkommensschwachen, Nationalisten und so-
zial Konservativen in der Mehrheit und ist α > γ , identifizieren sich alle
Individuen entlang der Kultur, andernfalls für γ > α entlang des Handels.
Im ersten Fall nimmt der „Kulturkampf“, im zweiten Fall der Handelsstreit
im Vergleich zum „Klassenkampf“ (übers Einkommen) zu. (Gennaioli/Ta-
bellini 2018, 24)
Ökonomischer und kultureller Wandel, d.
h. ein höheres γ und α, verändern
also Identitäten. Für die Richtung der Identifikation ist auch die Korrelation
zwischen Handelsoffenheit und sozialer Progressivität wichtig. Tatsächlich
führt eine stärkere Korrelation dazu, dass Kultur- und Handelsidentifika-
tion gegenüber der einkommensbasierten vorherrschen. Außerdem reagie-
ren bei stärkerer Korrelation die Identitäten stärker auf γ- und α-Schocks.
Hoch korrelierte Dimensionen sind eine effiziente Quelle für Identifikation:
Sie verringern Konflikte über mehrere Dimensionen und steigern das indi-
viduelle Gefühl der Ähnlichkeit.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 2:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 2:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 267
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven