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Elisabeth Zissler | Digitale KrÀnkung?
conditio humana gegenwÀrtig vor Herausforderungen stellen, wird mittler-
weile auch innerhalb des Fachbereichs der Informatik kritisch betrachtet.
Hinterfragt wird etwa, von welchem Menschenbild jene Forscherinnen
und Forscher ausgehen, die die digitale Welt programmieren. Von welchen
Werten sind sie geprÀgt? Welche Ziele verfolgen sie mit der Entwicklung
neuer digitaler Technisierungsverfahren? Dazu die Wirtschaftsinformati-
kerin Sarah Spiekermann:
â[D]ie Menschheit muss zumindest darauf vertrauen können, dass die-
jenigen, die Technologien vorantreiben, dies verantwortungsvoll, maĂ-
voll und mit Weisheit im Sinne der menschlichen Gemeinschaft tun. Dies
ist jedoch immer weniger der Fall. Stattdessen fÀllt auf, dass neue Tech-
nologien immer mehr genutzt werden, um Menschen zu ersetzen, statt
sie zu stĂ€rken â sie in AbhĂ€ngigkeiten zu treiben und ihren persönlichen
Daten zu entfremden. [âŠ] IT-Systeme werden nach wie vor ohne viel
Weitsicht entwickelt. Auch wenn [âŠ] eine wachsende Randgruppe des
Fachbereichs seit Jahrzehnten [âŠ] darum kĂ€mpft, den Menschen wieder
ins Zentrum der Entwicklungsprozesse zu rĂŒcken, arbeiten doch zahl-
reiche Kollegen mit einem fragwĂŒrdigen Menschenbild. Seinen Ausdruck
findet es in Bezeichnungen, die Informatiker fĂŒr uns Menschen finden.
Zum Beispiel âDAUâ (steht fĂŒr: âDĂŒmmster anzunehmender Userâ, âBugâ
(âFehlerâ oder âlĂ€stiger KĂ€ferâ).â (Spiekermann 2019, 157)
Wissenschaftler*innen aus demselben Fachbereich plĂ€dieren auch fĂŒr eine
umfassende âantikopernikanische Wendeâ, welche darauf abzielt, âden
Menschen wieder zurĂŒck ins Zentrum des technologischen Universums zu
stellenâ, und weisen zugleich auf die âbesondere Verantwortungâ hin, die
sich dahingehend fĂŒr die Informatik und vor allem die Informatiker*innen
ergibt (Project PANDORA 2020).
Vor dem Hintergrund dieser kritischen Reflexionen aus dem Fachbereich
der Informatik stellt ein gemeinsamer Aushandlungsprozess ĂŒber das, was
wir als Gesamtgesellschaft vom digitalen Zeitalter wollen, ein dringendes
Desiderat dar. Die Gestaltung der digitalen Gegenwart und Zukunft obliegt
eben nicht nur der Informatik, sondern muss sich ĂŒber alle Fachdisziplinen
erstrecken und nicht zuletzt auch auf den Einzelnen ĂŒbertragen. Das Indi-
viduum ist dazu herausgefordert, dahingehend Position zu beziehen und
Verantwortung fĂŒr die Gestaltung seiner Lebenswelt zu ĂŒbernehmen.1
1 Im Rahmen des vorliegenden
Beitrags wird versucht aufzuzei-
gen, mit welchen Begriffen in den
interdisziplinĂ€r gefĂŒhrten wissen-
schaftlichen bzw. gesellschaftlichen
Debatten ĂŒber Digitalisierungspro-
zesse operiert und reflektiert wird
und wodurch, im RĂŒckgriff auf sie,
die conditio humana (die Stellung des
Menschen in einer IKT-dominierten
Welt) herausgefordert wird. Dabei
wird nicht auf eine systematische
Einordnung der verwendeten Be-
griffe abgezielt.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 3:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 3:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven