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Elisabeth Zissler | Digitale Kränkung?
Digital Turn in Wissenschaft und Gesellschaft
Die Kulturwissenschaftlerin Doris Bachmann-Medick listet im Schluss-
kapitel ihres Buches Cultural Turns potenzielle kulturwissenschaftliche
Wenden auf, die es noch systematisch herauszuarbeiten gilt. Sie erwähnt
in diesem Zusammenhang auch den sogenannten „digital oder computa-
tional turn“ (Bachmann-Medick 2010, 381–405). Angesichts der vielfältig
spĂĽrbaren Auswirkungen des digitalen Wandels in Wissenschaft und Ge-
sellschaft und der Herausbildung neuer Begrifflichkeiten – so werden etwa
die digitalen Transformationsprozesse als „Digitale Revolution“ und der
Umgang mit der digitalen Welt als „Vierte Kulturtechnik“ (neben Lesen,
Schreiben, Rechnen) beschrieben – lohnt sich eine nähere Auseinander-
setzung mit dem Digital Turn. Im kulturwissenschaftlichen Sinn geht es da-
bei um eine systematische Reflexion des digitalen Wandels in Wissenschaft
und Gesellschaft. Folgt man der Definition von Bachmann-Medick, so ist
ein Turn2 durch drei wesentliche Kriterien gekennzeichnet:
1. durch eine RĂĽckgebundenheit an gesellschaftliche Prozesse und
kulturelle Umwälzungen,
2. eine disziplinenĂĽbergreifende Verortung und
3. durch die Hervorbringung von SchlĂĽsselbegriffen und Analysekate-
gorien (vgl. Bachmann-Medick 2010, 7–57).
Auch wenn eine umfassende Systematisierung des Digital Turn nach den
oben dargelegten Kriterien den Rahmen dieses Beitrags sprengen wĂĽrde,
werden im Folgenden zumindest einige Anhaltspunkte skizziert, die den
digitalen Wandel kennzeichnen.
RĂĽckgebundenheit an gesellschaftliche Prozesse
Die Nutzung von IKT bestimmt die Lebenswelt des Einzelnen sowie der Ge-
samtgesellschaft mittlerweile nachhaltig: so etwa die Arbeitswelt aufgrund
der Verwendung von IT-Systemen und Robotern, den Bereich der zwi-
schenmenschlichen Kommunikation (z. B. durch die Herausbildung neuer
Formen sozialer Interaktion, etwa die verstärkte Nutzung von Social Media
oder den Einsatz von Social Robotics), den urbanen Raum und die Verkehrs-
welt (z. B. durch die Entwicklung autonom funktionierender Städte, soge-
nannter Smart Cities, sowie selbstfahrender Verkehrsmittel) oder auch die
Art der Wissensverarbeitung und -speicherung.
2 Ein Turn zielt per definitionem
nicht darauf ab, ein eindeutig ab-
grenzbares Forschungsfeld abzu-
bilden. Aufgrund weiterfĂĽhrender
Rezeptionen und Analysen innerhalb
verschiedener Wissenschaftsdiszi-
plinen ist das inhaltliche Profil eines
Turn nie gänzlich abgeschlossen. Es
bleibt – ebenso wie seine Verortung
im Feld der Wissenschaft – stets
offen für Ergänzungen, Verdichtun-
gen und Nachschärfungen sowie die
Aufnahme neuer Perspektiven.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 3:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 3:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven