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Elisabeth Zissler | Digitale Kränkung?
Anhand von CRISPR/CAS9, der neuen Schlüsseltechnik der Genom-Edi-
tierung, ist dies erneut sichtbar geworden (vgl. Schaupp 2018).
Auch wenn der Rede von „Kränkungen“ eine narzisstische Selbstüber-
höhung des Menschen vorausgeht, die durchaus kritisch gesehen werden
kann, lässt sich an diesen verdeutlichen, welche Veränderungen das Men-
schenbild die Geschichte hindurch durchlaufen hat. Dies trifft auch auf die
fünfte, die sogenannte digitale Kränkung zu, ausgelöst durch die Entwick-
lung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, wodurch unsere gegen-
wärtige Lebenswelt nachhaltig geprägt wird.
Die digitale Kränkung
Digitale Transformationsprozesse in Wissenschaft und Gesellschaft wer-
den im Folgenden als „Kränkung“ im Selbstverständnis des Menschen
reflektiert. Doch worin genau besteht diese „Kränkung“ eigentlich? Im
Nachfolgenden werden dahingehend drei Aspekte reflektiert, womit jedoch
kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann.
Dem Menschen wird die „Würde des Denkens“ genommen
Im Fall der digitalen Kränkung wird die Künstliche Intelligenz der mensch-
lichen Intelligenz im Sinne eines gegenseitigen Kräftemessens gegenüber-
gestellt. Gefragt wird, wer in diesem „Kampf“ den anderen übertrifft und
schließlich als Sieger hervorgeht.
Im Zuge dieser Auseinandersetzung werden Belege angeführt, aus denen
hervorgeht, dass das menschliche Gehirn nicht so leistungsstark sei wie je-
nes von mit KI ausgestatteten Maschinen. Als Beispiele dafür können etwa
die denkwürdigen Schlagzeilen „IBM Computer Deep Blue schlug Garry
Kasparow“ (Fischer 2016) oder aus jüngerer Vergangenheit „Alpha Go:
Google-Software gewinnt gegen Go-Weltmeister“ (ZEIT online 2016) an-
geführt werden. Dabei ist die Frage zu stellen, in welcher Hinsicht die KI
die menschliche Intelligenz in den eben angeführten Beispielen übertrifft.
Wird dem Menschen durch diese Niederlagen die „Würde des Denkens“3
als das, was Menschsein konstituiert, genommen?
Kräftemessen zwischen menschlicher und Künstlicher Intelligenz
3 „Die ganze Würde des Menschen
besteht im Denken, doch was ist
dieses Denken? Wie töricht ist es?
Das Denken ist also seinem Wesen
nach etwas Bewundernswertes und
Unvergleichliches. Es müßte schon
sonderbare Fehler haben, um ver-
ächtlich zu sein, doch es hat ja der-
artige Fehler, daß es nichts Lächer-
licheres gibt. Wie ist es durch sein
Wesen erhaben, wie ist es durch sei-
ne Fehler niedrig!“ (Pascal 2019, 21)
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 3:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 3:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven