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Eugen Dolezal und Moritz Windegger | KI – Künstler oder Werkzeug?
Was „komponieren“ Algorithmen eigentlich?
Die Frage ist also, was genau die Informatiker:innen und Musikwissen-
schaftler:innen mit ihren Algorithmen getan haben, als sie das Werk (fer-
tig-)geschrieben haben. Wie funktioniert diese Form von Künstlicher In-
telligenz?
Die technologische Entwicklung der vergangenen Jahre hat bereits vieles
geleistet, was früher unmöglich schien: Handys stellen eigene Musikstücke
zusammen, der Nutzer muss dabei lediglich Text und Melodie wählen, den
Rest errechnet die Maschine. In philosophischer Hinsicht geht es bei dem
vorliegenden Projekt aber um mehr. Sätze wie „Genau so hätte das Beet-
hoven im Kopf haben können“ oder „Was wir hier bekommen, ist ein Blick
in den Kopf des Komponisten“ lassen darauf schließen, der Algorithmus
könne genau den Beethoven erarbeiten, der vor rund 200 Jahren gelebt hat:
Ein algorithmusbasiertes System „(…) wird häufig präsentiert als eine ob-
jektive Methode, die aus Daten Entscheidungen generiert. Ja, geradezu als
ein Ansatz, der aus Daten die WAHRHEIT extrahiert“, schreibt die deutsche
Informatikerin Katharina Zweig (2019, 22).
Doch es gibt keine Wahrheit, die wir sozusagen zeitversetzt errechnen
könnten. Ein Algorithmus ist nur eine detaillierte Handlungsanweisung,
eine Formel, die in eine Computersprache eingesetzt wird, damit der Com-
puter weiß, wie er aus einer Datensammlung mögliche Ergebnisse errech-
nen kann. Im vorliegenden Fall besteht die Datensammlung aus den No-
tenskizzen, die Beethoven für eine mögliche 10. Symphonie hinterlassen
hat, sowie aus Informationen darüber, wie er und andere Komponisten die
Regeln der Harmonielehre angewendet haben. Obschon in allen Kunstbe-
reichen das Vervollständigen oder auch die Rezeption von früheren Wer-
ken immer schon versucht wurde und zu neuer Kunst geführt hat, käme
niemand auf die Idee, aus den vorliegenden Notenstücken ein Werk zu
schreiben, das wir dann als Beethovens Werk „uraufführen“ könnten. Und
auch der Algorithmus leistet nichts, was ein Mensch selber nicht errechnen
könnte. Darauf haben sich vor Jahrzehnten die beiden Mathematiker Alon-
zo Church und Alan Turing festgelegt. Was als Church-Turing-These be-
kannt ist, findet bis heute allgemeine Zustimmung. Zumindest hat es bis-
her noch niemand falsifiziert: Mensch und Computer können, Church und
Turing zufolge, prinzipiell dieselben Fragen beantworten, dieselben Pro-
Es gibt keine Wahrheit, die wir zeitversetzt errechnen könnten.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 3:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 3:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven