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Eugen Dolezal und Moritz Windegger | KI – Künstler oder Werkzeug?
̟ Schon bei der Schaffung eines Kunstwerks durch „Edmond de Be-
lamy“ – ein Deckname für zwei KIs, welche im Zusammenspiel
ein Bild schufen, das dann für einen unerwartet hohen Geldbe-
trag von über 420.000 Dollar versteigert werden konnte – stellte
sich die Frage: Wer ist der Künstler? War es derjenige, der das Bild
(wenn auch auf Basis von 15.000 Portrait-Bildern) malte und ent-
warf, also die Maschine, oder waren es diejenigen, die die Vision,
die Idee zu dem Bild hatten, also die Menschen? Erwähnenswert ist
hier, dass schlussendlich doch Menschen aus den Vorschlägen der
KI auswählten und einen goldenen Rahmen um das Werk fertigen
ließen (vgl. Eberl 2020, 105).
̟ In Tübingen gelang es Forschern, einer KI beizubringen, zwischen
Stil und Inhalt von Bildern zu unterscheiden, und diese „DeepArt“
genannte Maschine somit zu befähigen, aus Photoeingaben vorge-
gebene Inhalte im Stil von Kandinsky, van Gogh, Turner oder Pi-
casso neu zu malen.
̟ In den Vereinigten Staaten ist eine auf Musik spezialisierte Soft-
ware namens „Kulitta“ in der Lage, die Struktur von Musikstücken
zu analysieren und solche auch neu zu kombinieren, also beispiels-
weise einen Choral nach der Art Johann Sebastian Bachs zu erstel-
len, der im Mittelteil jedoch stilistische Elemente der Jazzmusik
beinhaltet (vgl. Eberl 2020, 106).
̟ Ein Computerkünstler namens Simon Colton brachte einem neuro-
nalen Programm bei, Emotionen in Bildern zu erkennen und dar-
aus einen eigenen Stil abzuleiten. Dieses Programm produzierte zu
einem Text über den Afghanistan-Konflikt ein Bild. Dabei lud die
Software selbstständig Bilder aus dem Internet und arrangierte sie
zu einer teils abstrakten und doch „gefühlvollen“ Collage aus Kin-
dern inmitten von Gräbern und Explosionen (vgl. Eberl 2020, 107).
Bei alledem darf nicht vergessen werden, dass es sich hierbei um eine spe-
zielle und eingeschränkte Art von Kreativität handelt. Um in der Lage zu
sein, eine neue Formensprache, wie beispielsweise den Kubismus, zu er-
finden oder sich von einem konkreten Gegenstand zu lösen, wie in der
abstrakten Kunst, benötigt es Menschen. Der Maschine fehlt trotz dieser
durchaus beeindruckenden Beispiele die Möglichkeit zur Inspiration, um
etwas gezielt mit einer Bedeutung aufzuladen.
Nichtsdestotrotz muss wohl eingestanden werden, dass KI ein kreatives
Potenzial besitzt. Doch dieses bleibt beschränkt und ist nicht so frei wie das
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Volume 3:2
- Title
- Limina
- Subtitle
- Grazer theologische Perspektiven
- Volume
- 3:2
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 4.0
- Size
- 21.4 x 30.1 cm
- Pages
- 270
- Categories
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven