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360 | Imke Hansen
Doch nicht alle Windungen des Weges stellen die Interviewten als scheinbar sinnlos
dar ; es gibt auch Momente, die in den Interviews herausgehoben und als Wegschei-
den erzählt werden. Im Zentrum dieser Episoden stehen oft eigene Handlungen der
Interviewten, die eine entscheidende Situation provozierten oder in einer solchen Situ-
ation eine Wendung zum Besseren erreichten. Damit charakterisieren diese Episoden
das Schicksal der Erzählenden nicht als das von passiv Verschleppten, sondern von
Menschen, die sich auch in Zwangssituationen Eigenständigkeit bewahrten und Hand-
lungsspielräume wahrnahmen. Als eine solche Wegscheide, in der eigenes Handeln
den Ausschlag gab, erzählt die Untergrundaktivistin Nadeschda Tereschtschenko, die
während der deutschen Besatzung unter anderem Brot zu den Partisanen geschmug-
gelt hatte, ihre Verhaftung :
«Ich war mit meiner Freundin unterwegs, wir trugen Brot in eine Wohnung, einen ganzen
Sack. Sie trug das Brot und ich hatte vier Dings, Passierscheine dabei. Und ein Deutscher
holte uns ein, nahm uns fest und [brachte uns] direkt zum Stab. Aber dadurch, dass wir auf
dem Gehsteig gingen und entlang des Gehsteigs dort Gestrüpp war, konnte ich sie so [Geste]
aus dem Ärmel ziehen. Der Deutsche ging vorne und wir hinter ihm, ich habe diese Doku-
mente aus dem Ärmel gezogen und in das Gestrüpp geworfen. Dadurch, dass ich die Doku-
mente beseitigt habe/ Sonst hätten sie mich natürlich erschossen, hingerichtet.»69
Obwohl sie gegen ihre Verhaftung nichts unternehmen konnte, spielt ihre eigene Ak-
tivität in ihrer Narration eine wichtige Rolle, weil sie die Qualität der Wegscheide be-
stimmte : Indem sie sich der gefälschten Papiere entledigte, deren Besitz sie als Partisa-
nin enttarnt hätte, entging sie der Hinrichtung und wurde «nur» inhaftiert.
Sergej Driga berichtete, dass er und sein Freund ihre Ermordung durch die Deut-
schen abwenden konnten, indem sie sich als Kollaborateure ausgaben. Der Soldat der
Roten Armee war nach acht Monaten Belagerung in der Festung Sewastopol ins feind-
liche Hinterland geschleust worden und in der Siedlung, die er erreicht hatte, geblie-
ben.70 Zusammen mit einem anderen wurde er verhaftet, als Partisan verdächtigt und
im Gestapogefängnis Simferopol verhört. Schließlich saßen die beiden allein in einem
Raum und glaubten, gehört oder abgehört zu werden :
«Ich hab’ gesagt : ‹Fedja, wir werden jetzt ins Gras beißen. Aus ist’s.› Und er schweigt. ‹Da›, sag
ich, ‹haben uns wahrscheinlich der Dorfvorsteher und der Dings angeschwärzt.› ‹Ja ? Dabei
haben wir ihnen gar nichts getan.› ‹Ich›, sag ich, ‹bin zu den Deutschen übergelaufen, hab
ihnen einen ganzen Zug Soldaten gebracht [laut], freiwillig.› Verstehen Sie ? Ja. Und Fedja :
‹Ich auch, ich auch !› [eifrig] ‹Ja ?› Ich schau ihn ja an, er schaut mich an … Jetzt würde diese
69 AMM, MSDP, OH/ZP1/031, Interview mit Nadeschda Michajlowna Tereschtschenko, Interviewer : Kirill
Wasilenko, Dnepropetrowsk, 8. 5. 2002, Übersetzung, Z. 100–108.
70 Zur Belagerung von Sewastopol vgl. Wegner, Der Krieg gegen die Sowjetunion, S. 845–852.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen