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364 | Imke Hansen
zählungen kann man den Eindruck gewinnen, dass das «Danach» beim Nachdenken
über die Flucht eine geringere Rolle spielte als der Wille, sich einer Zwangssituation zu
entziehen. Zentral ist daher, dass auch hinter Flucht der Wunsch nach Selbstbestim-
mung und einer Verbesserung der eigenen Situation stand. Der geschilderte Fall ist
exemplarisch für eine ganze Reihe von Narrationen über Flucht, deren Konsequenz die
Verhaftung und meist auch die Einweisung ins Konzentrationslager waren.77
Der jüdische Kriegsgefangene Rybtschinskij, der sich als in der Ukraine wohnhafter
Russe registrieren ließ, musste im Kriegsgefangenenlager, wo Kommissare und Juden
ausgesondert und ermordet wurden,78 ständig auf der Hut sein, nicht erkannt zu wer-
den. Aus dem Kriegsgefangenenlager Berditschew berichtet er :
«Ich steh da, in Berditschew, wir wurden alle hinausgejagt, zur Kontrolle, und sie führten/ also,
da waren deutsche Pferde, also, ein Wagen, auf dem Wagen ein Maschinengewehr, Schaufeln,
und dahinter, in Unterwäsche, marschieren welche zur Hinrichtung. Na, Kommissare […], Ju-
den ja, von unseren Generälen waren alle Ju / – viele. Ja. Verstehen Sie ? und ich steh da mit
Kostja, Kostja Kosotun. Kostja, das war der Sohn vom Artilleriekommandanten, na, ein sympa-
thischer Kerl war das, und er sagt zu mir : ‹Um diese Juden tut’s mir nicht leid.› […] Dabei hätte
ich Kostja alles erzählen können. Ich hab das alles aufmerksam zur Kenntnis genommen.»79
Rybtschinskijs Vorsicht auch gegenüber Kameraden sollte sich auszahlen. Von der
Überprüfung im nächsten Kriegsgefangenenlager in Wladimir-Wolynski berichtet er :
«Die Russen kamen hierhin, die Ukrainer dorthin, nach Nationalität getrennt. […] Wir sindÂ
– ein
paar Leute von uns – zu den Ukrainern gegangen. Dort war’s nicht auszuhalten, dort/ Wir sind
wieder weg, sogar die Ukrainer [betont] sind zu den Russen gegangen, haben sich als Russen
registrieren lassen. […] Mich hat er auch von hinten gemustert, das da [Geste] alles : ‹Familien-
name ?› – ‹Rybtschinskij.› – ‹Familienname der Mutter ?› – ‹Markow.› – ‹Wo hast du gewohnt ?› –
‹Wie, wollt ihr ein Telegramm schicken ?›, hab ich gesagt. ‹Gorkij-Straße. Kiew, Gorkij-StraßeÂ
51.›
Er dann : ‹Warum ? Warum in der Ukraine russisch ?› Na, da waren schon welche von uns dabei,
Polizeiler. ‹Ach›, sagt der, ‹in Kiew gibt es ja viele Russen.› Also hat er bei mir : russisch, Aleksan-
drow und so weiter. Um mich umzubringen, als Juden, deshalb waren die Fragen.»
77 Siehe beispielsweise AMM, MSDP, OH/ZP1/272, Interview mit Wladimir Wassiljewitsch Schtschebetjuk,
Interviewerin : Alena Koslowa, Chotyn, 27. 8. 2002, S. 7 ; OH/ZP1/474, Interview Nina Karpowna Paras-
kewitsch, Interviewerin : Alena Koslowa, Chmelnyzkyj, 28. 8. 2002, S. 8 ; OH/ZP1/479, Interview Krikli-
wez, S. 3 ; OH/ZP1/481, Interview Mudrak, S. 13 ; OH/ZP1/268, Interview Basarab, S. 13 ; OH/ZP1/259,
Interview Driga, S. 16 u. 24.
78 Siehe dazu Pavel Polian : Sowjetische Juden als Kriegsgefangene. Die ersten Opfer des Holocaust ?, in :
Günter Bischof et al. (Hg.), Kriegsgefangene des Zweiten Weltkrieges. Gefangennahme – Lagerleben –
Rückkehr, München/Wien 2005, S. 487–505 ; Reinhard Otto : Gestapo und sowjetische Kriegsgefangene,
in : ebd., S. 475–486.
79 AMM, MSDP, OH/ZP1/604, Interview Rybtschinskij, Z. 212–222.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen