Page - 366 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
Image of the Page - 366 -
Text of the Page - 366 -
366 | Imke Hansen
Geschwister oder Cousinen zu sein, um zusammenbleiben zu können.83 «Wir haben
alles getan, dass wir nicht getrennt werden. Und wenn plötzlich etwas passiert, gibt es
jemanden, der heimkommt und es den Eltern sagen kann.» Wera Bobrowskaja berich-
tet, dass es sehr geholfen habe, zu zweit zu sein. «Ich wollte mich nicht von ihr trennen,
weil wir aus der gleichen Stadt waren, verstehen Sie. Und das bedeutet doch viel, wenn
man zu zweit ist.»84 Wenn es um die Kriegszeit geht, erzählt Bobrowskaja so gut wie
nie aus der Ich-Perspektive, sondern spricht immer von «wir». Roschkowa hingegen
benutzt in ihrer Erzählung über den Krieg häufiger die Form «ich» und erzählt – im
Gegensatz zu Wera BobrowskajaÂ
– auch Episoden, in denen sie allein die Handelnde ist.
Während Roschkowa die Aktivere von beiden war, die die Initiative ergriff und impul-
siv handelte, war Bobrowskaja eher vorsichtig. Dieser Eindruck entsteht aber nicht nur
bei der Analyse der Interviews, er wird auch offen von beiden formuliert :
NR : «Sie hat sich an mich geklammert, wohin auch immer man mich/ Auf mich ist geschos-
sen worden, und sie ist mit mir mit, … / Ja. / … damit …»
WB : «Wir waren wie Schwestern, beide !»
Interviewerin [zu NR] : «Und Sie waren für sie da ?»
WB [gleichzeitig mit NR] : «Sie für mich und ich für sie.»
NR [gemeinsam mit WB] : «Na ja, wo sollte ich sie denn hintun ? Wir sind zusammen aufge-
wachsen / Ja./ […] Und ich, ich war immer ein [gleichzeitig mit VB :] Draufgänger. Ich kann
nicht sagen, dass ich/»
WB [gemeinsam mit NR] : «Ich habe sofort gewarnt/»
NR [gleichzeitig mit WB] : «Ich war/»
WB [gemeinsam mit NR] : «Wir waren Schwestern.»85
Roschkowa thematisiert auch vor Bobrowskaja, dass sie die Leitungsrolle in dem Duo
hatte. Bobrowskaja wirft ein, dass beide fĂĽreinander dagewesen seien, und stellt damit
wieder ein Gleichgewicht her. Sie ist es auch, die die Erzählung, in der beide häufig
gleichzeitig sprechen, abschließt und mit dem Satz «Wir waren Schwestern» quasi be-
friedet. Damit bringt sie das ungleiche und sicher nicht konfliktfreie Verhältnis der
beiden während ihrer Odyssee durch verschiedene Arbeits- und Konzentrationslager
auf den Punkt, da man sich eben Geschwister nicht aussucht, aber sie gemeinhin liebt
und zu ihnen hält.
Wenn es auch durchaus häufig war, dass Bekannte gemeinsam in das gleiche Dorf
zur Zwangsarbeit verschleppt wurden oder in das gleiche Zwangsarbeitslager kamen,
trennten sich doch die Wege meist nach dieser ersten Station der Verfolgung. AuĂźer
83 AMM, MSDP, OH/ZP1/477, Interview Roschkowa, Z. 491 f. Bei dem Interview war Wera Bobrowskaja
anwesend und hat sich zuweilen eingemischt.
84 AMM, MSDP, OH/ZP1/484, Interview Bobrowskaja, Z. 569–570.
85 AMM, MSDP, OH/ZP1/477, Interview Roschkowa, Z. 385–400.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
back to the
book Deportiert nach Mauthausen, Volume 2"
Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen