Page - 369 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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369«Sie
haben uns die ganze Zeit spazieren gefahren …» |
«Nach all dem kam der Lagerkommandeur […]. Er hat mich geholt, mich in dieses unbe-
kannte Lager gebracht, dann habe ich Bekanntschaft geschlossen, habe Kameraden gefunden :
Grischa Martschenko, er ist selbst aus Poltawa, und Tolja Ragulin, er kommt aus der Oblast
Donezk, er ist Oberleutnant. Wir haben Freundschaft geschlossen. Dann hat man uns ins
Werk geschickt zum Arbeiten.»91
Die neuen Freunde sind offenbar der wichtigste Aspekt des neuen Lagers, denn es ist
das erste, was er erwähnt. Über nichts anderes spricht er ausführlicher in Kontext des
Lagers. Darüber hinaus fällt der Gegensatz zwischen dem neuen, «unbekannten» Lager
und dem Schließen von Bekanntschaften auf. Er eröffnet den Blick auf eine wichtige
Funktion dieser Weggefährten, die auch das schnelle Schließen von Freundschaften
erklärt : Sie dienten als praktische Orientierungshilfe an einem vollkommen neuen Ort,
dessen Regeln und Gepflogenheiten man noch nicht kannte. Aber auch darüber hinaus
scheint es während der Verfolgung wichtig gewesen zu sein, in der fremden und feind-
lichen Umwelt jemanden zu haben, dem man vertraute.
Das Bedürfnis nach Bekanntheit und Vertrautheit in der Fremde bewirkte wohl
auch, dass sich Bekanntschaften und Freundschaften häufig mit Menschen bildeten,
die aus der gleichen Region kamen. So auch im Falle von Wassili Kononenko :
«Dort kam ich zuerst in das Gefängnis von Graz, wo ich mich lange befand. Dann/ dort wurde
ich verhört. Drei Verhöre. Das erste war etwas leichter, doch die beiden weiteren waren sehr
schwer. Da wurde ich schon stark geprügelt, ich wurde in die Zelle gebracht oder geschleppt,
ich war/ und nur dank dem, dass wir eine internationale Zelle hatten, in ihr waren sechs
Personen : Ein Österreicher, schon älter, er sagte, dass er Sozialdemokrat sei, ein Grieche, ein
Pole, ein Tscheche und noch einer, der Ukrainer Andrej Antonenko aus meiner/ aus unserem
Gebiet sogar [leise und unverständlich], er ist älter als ich. Er hat sich dort ein wenig um mich
gekümmert.»92
Genau wie bei Fedor Ganitschenko fällt auch bei Kononenko auf, wie schnell er auf
die Weggefährten zu sprechen kommt und wie er dann bei diesem Thema bleibt. Er
unterbricht den Bericht über seinen Zustand nach dem Verhör, um zu der Beziehung
zu seinen Zellengenossen zu wechseln. Während Kononenko hier zunächst hervor-
hebt, dass er seiner «internationalen Zelle» sein Durchhalten verdankt, konzentriert
er sich in der Narration dann schnell auf den Landsmann, der «sogar» aus der glei-
chen Region kam und mit dem er ein besonderes Verhältnis hatte. Die Formulierung
offenbart, dass es ihm etwas bedeutete, dass Andrej Antonenko nicht weit von ihm
aufgewachsen war.
91 AMM, MSDP, OH/ZP1/660, Interview mit Fedor Filippowitsch Ganitschenko, Interviewerin Alena
Koslowa, Saporoschje, 17. 11. 2002, S. 2.
92 AMM, MSDP, OH/ZP1/654, Interview Kononenko, S. 3.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen