Page - 388 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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388 | Doris Felsen und Viviana Frenkel
Maria nahm also nicht bewusst an dieser Form des Arbeiterkampfes teil, sie betätigte
sich nicht aktiv an der Auflehnung. Allerdings wurde ihre Abwesenheit vom Arbeits-
platz sehr wohl bemerkt und ihr Name in der Liste der Streikenden notiert. Sie war sich
also keinerlei Gefahr bewusst und erlebte ihre plötzliche Verhaftung umso traumati-
scher, weil sie für sie völlig unerwartet kam. Dieser Augenblick wurde zu einer funda-
mentalen Zäsur in ihrem Leben und katapultierte sie in eine Welt, deren Mechanismen
sie zunächst nicht begriff. Plötzlich nahm sie selbst an den dramatischen Ereignissen
der italienischen Gegenwartsgeschichte teil. Trotz aller darauf folgenden tragischen
Ereignisse blieb dies der tragischste Moment in ihrem Leben. Ein mehr als zwanzig
Jahre nach der Befreiung immer noch wiederkehrender Traum versinnbildlicht den
Schock und die ungläubige Verblüfftheit dieser nächtlichen Verhaftung :
«Die Jugend habe ich dort verbracht. Du kommst nach Hause, und die Jugend ist nicht mehr
die gleiche, sie hat sich verändert. Weil der Kopf ein anderer geworden ist. Und dann die
Gedanken, die er drinnen hat, die in der Nacht rauskommen, und man träumt, dass sie kom-
men, um einen wieder zu holen, und dass ich sage : ‹Warum immer ich ?› […] Ich sage : ‹Aber
warum kommt ihr immer, um uns mit allen abzuholen, die da sind, immer uns ?› Der Traum
hat sich immer wiederholt, dass sie immer kamen, um uns abzuholen. Ich fragte immer :
‹Warum ?›»29
Die Umstände dieser Verhaftung sind besonders interessant, weil man sie beinahe
unverändert auch in den Erzählungen anderer Zeugen wiederfindet, als ob sie einer
präzisen Regie folgten. In der Nacht vom 13. März klopften italienische Milizen an Ma-
ria Fugazzas Tür und entführten sie unter dem Vorwand, «Information» einholen zu
wollen. Mit ihr wurden noch andere Personen mitgenommen. Sie wurden zunächst in
die San-Fedele-Kaserne nach Mailand gebracht und dann ins San-Vittore-Gefängnis.30
Maria fand eine Gruppe Freundinnen, mit denen sie die gesamte Gefangenschaft ge-
meinsam verbringen sollte. Die Solidarität dieser Frauen wurde ein bestimmender Fak-
tor für ihr Überleben : «Dort hatten wir das Glück, dass wir immer zusammenblieben,
wir Frauen sind immer zusammengeblieben […]. Das eine Glück hatten wir zumin-
dest, dass wir beisammen waren, weil wir weder Deutsch noch sonst was konnten.»31
ins Kino gehen konnten, […] uns interessierte der Streik nicht, wir wollten Spaß haben. Wir waren
18 Jahre alt.»
29 AMM, MSDP, OH/ZP1/007, Interview Fugazza, Z. 1768–1783.
30 Laut Ines Gerosa wurde diese Frauengruppe zum deutschen Sektor in den fünften Trakt des Gefängnisses
gebracht, der allgemein für die Inhaftierung von Juden bestimmt war. Zum Mailänder Gefängnis San Vit-
tore vgl. Maria Barbara Bertini : Registri delle matricole del carcere di San Vittore di Milano (1940–1945)
[Verzeichnis der Inhaftierten im Gefängnis San Vittore in Mailand (1940–1945)], URL : https://web.ar
chive.org/web/20101228211636/http://archiviodistatomilano.it/uploads/risorseonline/San_Vittore.pdf
(21. 10. 2020).
31 AMM, MSDP, OH/ZP1/007, Interview Fugazza, Z. 344–347.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen