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396 | Doris Felsen und Viviana Frenkel
«Wir kommen in tiefster Nacht an, es war warm, es muss Ende Juli, Anfang August gewesen
sein, ein netter kleiner Bahnhof […]. Wir haben undeutlich den Flussverlauf gut ausmachen
[…]. Sie haben uns in Reih und Glied aufgestellt […], rechts und links waren die Wachen […],
es gab einen Schotterweg, der uns ewig lang erschien.»56
Liliana sah fassungslos zu, wie die Gefangenen, die nicht mithalten konnten, geschla-
gen wurden, dann ging sie weiter :
«Man ging und ging, ich erinnere mich, dass aus einem/ Leise, ganz leise öffnet sich ein Fens-
terladen, und ich habe undeutlich ein Gesicht gesehen. Darum sollen die Ă–sterreicher nicht
kommen und behaupten, dass sie damals nichts gewusst hätten. Tja, ich habe dieses Gesicht
im Kopf. Es war ein/ eine Mondnacht. Nach einer letzten Biegung sehen wir einen Wachturm,
auf der linken Seite des Wachturms einen Totenkopf und dort ein Wesen in Uniform, und
dann dieses riesige Tor, diese Mauern, die kein Ende nahmen. Das war der erste Eindruck,
und diese kleinen Türme, von denen man Gewehrläufe herausragen sah, und dann diese
Drähte, von denen wir später erfuhren, dass sie unter Strom standen. Mir vergingen die Sinne,
und meine Schwester sagte zu mir : ‹Liliana, hier kommen wir nicht mehr raus !›»57
Die Lagerhaft erwies sich in der Tat als hart und von dramatischen Momenten gekenn-
zeichnet, beispielsweise als sie in die Gaskammer gebracht, die Exekution auf uner-
klärliche Weise aber nicht vollzogen wurde. Liliana sollte auch eine schwere Form der
Knochentuberkulose davontragen, von der sie nur durch einen langen Krankenhaus-
aufenthalt genesen ist. Später studierte sie italienische Literatur und unterrichtete viele
Jahre lang. Nach einer sehr langen Zeit des Schweigens begann sie zu erzählen, ging in
Schulen, schrieb Artikel und BĂĽcher. Ihre Erinnerung strukturierte sich, wie es oft vor-
kommt, mit der Zeit in einige wesentliche Themen. Das Bild, das sie von sich während
der Deportationszeit zeichnet, ist das eines jungen, naiven Mädchens, das sich aber sehr
entschlossen gemäß der moralisch-religiösen Lehren der Familie und der Kirche für
das Schicksal der Verfolgten einsetzt. Man erhält den Eindruck einer tiefen religiösen
Engagiertheit, die nicht bigott, sondern voller Solidarität und Hoffnung ist. Das Über-
leben inmitten der tragischen Umstände des Lagers wird von ihr im Nachhinein durch
ihre wilde Entschlossenheit bestimmt, «die Deutschen nicht gewinnen zu lassen».
56 AMM, MSDP, OH/ZP1/005, Interview Martini, Übersetzung, Z. 273–283.
57 Ebd., Z. 293–302. Im Interview von 2005 interpretiert Liliana Martini die Ankunft in einer ästhetisch-ro-
mantischen Weise und betont die Dissonanz zwischen der Ruhe und gleichgĂĽltigen Gelassenheit der Na-
tur und der Verzweiflung der beiden Schwestern : «In diesem Moment löste sich in mir ein starkes Gefühl
der Rebellion, Rebellion gegen Gott, gegen diesen Gott, dem ich versucht hatte zu dienen, als ich seinen
Kindern half, die weniger Glück hatten als ich, die verfolgt wurden […]. Es war schon Nacht. Es war einer
der ersten Tage im August. Die Nacht war ruhig, vom Mond beleuchtet, die Sterne schauten glĂĽcklich aus
dem Himmel und spiegelten ganz sicher unsere GefĂĽhle nicht wider, die in diesem Moment schwermĂĽtig
waren.» FU Berlin, Zwangsarbeit 1939–1945, ZA 122, Interview Martini, Übersetzung, S. 21.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen