Page - 397 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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italienischer Deportierter nach Mauthausen |
Die Erinnerung an Hunger, Kälte und Erniedrigung, obwohl noch sehr lebendig,
wird in ihr durch die Gewissheit gemildert, die richtige Wahl getroffen und sich für die
Verfolgten eingesetzt zu haben.
Zwischen Katholizismus und Judentum : Alberto Todros
Die «Rassendekrete» von 1938 bestimmten auch das Schicksal von Alberto Todros und
seinem Bruder Carlo. Alberto erzählt folgendermaßen :
«Nachdem ich mich am Polytechnikum eingeschrieben hatte, was war der erste Gedanke, der
mir kam ? Dass nach der ganzen Verfolgung, die ich erlebt hatte, nach all dem, was geschehen
war, erwachte in mir ein erstes, tief antifaschistisches Gefühl und das Bedürfnis, mich im
Kampf gegen den Faschismus einzusetzen. Das waren / das waren die Jahre ’38, ’39, ’40, in de-
nen meine antifaschistischen Aktivitäten begonnen haben. Eben als Reaktion auf die Fehler,
die hinsichtlich meiner Person gemacht worden waren und die ich teuer bezahlt hatte, denn
ich war aus allen Schulen ausgeschlossen.»58
Alberto Todros wurde 1920 auf der sizilianischen Insel Pantelleria geboren. Seine Mut-
ter, eine Katholikin, stammte von der Insel und war aus bescheidenem Hause ; sein
Vater hingegen war der Sohn einer bürgerlichen jüdischen Familie aus Turin. Er war
Marineoffizier, der auf diese als strategisch wichtig erachtete Insel im Mittelmeer ver-
legt worden war. Die Familie des Vaters versuchte die Ehe zu verhindern, weil für sie
eine Ehe zwischen Angehörigen verschiedener Religionen in jener Zeit noch als zu
gewagt erschien und auch weil sie der Frau gegenüber aufgrund ihrer Herkunft von
einer Insel im tiefsten Süden Italiens voreingenommen waren.
1925 starb der Vater plötzlich, und die alleinstehende Mutter mit den beiden Kin-
dern im Alter von drei und fünf Jahren nahm die Hilfe der wohlhabenden Schwieger-
eltern an. Sie willigte im Gegenzug ein, dass die Kinder beschnitten wurden, um of-
fiziell in diese große jüdische Familie aufgenommen zu werden. Es folgten jedoch
keine weiteren Schritte, um sie den jüdischen Glauben vollständig anzunehmen zu
lassen. Aus gesundheitlichen Gründen lebte die Mutter mit den Kindern einige Jahre
in Ligurien und beschloss, sie dort taufen zu lassen, jedoch ohne das Sakrament offi-
ziell registrieren zu lassen. Als die Großeltern verstarben, kehrte die Familie wieder
nach Turin zurück, um in ihrem schönen Haus zu leben, und da erfasste sie auch der
«Sturm» der Rassendekrete mit voller Wucht. Alberto und Carlo konnten als offiziell
nicht getaufte Kinder einer gemischten Ehe nicht die als discriminazioni (Diskriminie-
58 AMM, MSDP, OH/ZP1/016, Interview mit Alberto Todros, Interviewerin : Doris Felsen, Turin, 27. 6. 2002,
Übersetzung, Z. 179–188.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen