Page - 407 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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407«Burschen,
ihr fahrt in das schlimmste Lager !» |
tung preisgegeben : Von insgesamt siebenundfünfzig Zügen gingen neunzehn nach
Auschwitz, die anderen achtunddreißig steuerten verschiedene Orte im Distrikt Lublin
an.9 Nach Wiederaufnahme der Deportationen im September 1944 infolge der Beset-
zung des Landes durch deutsche Truppen wurden weitere 13.500 Juden in Konzentra-
tionslager – vor allem Auschwitz, Sachsenhausen und Theresienstadt – eingeliefert.10
Auch wenn die Unterscheidung zwischen «politischen» und «jüdischen» Häftlingen
zunächst logisch und stichhaltig erscheint, lässt ein genauerer Blick auf die Biografien
slowakischer Überlebender von Mauthausen die Grenze zwischen diesen Kategorien
nach und nach bröckeln – die Kategorisierung von Gefangenen als «politisch» bzw.
«jüdisch» beruhte keinesfalls auf Ausschließlichkeit. Tatsächlich waren viele der «po-
litischen» Häftlinge Personen jüdischer Abstammung, zudem war es unerheblich, ob
jemand, der vom Staat als «rassisch minderwertig» eingestuft wurde, sich selbst als
jüdisch (sei es in nationaler, religiöser oder irgendeiner anderen Hinsicht) definierte.
In den in diesem Beitrag vorgestellten Zeugnissen von Überlebenden tritt die Proble-
matik, die das Herangehen an einen konkreten Mikrokosmos mit Universalkategorien
mit sich bringt, besonders klar zum Vorschein. Otto (Oto) Wagner (1924–2017)11
etwa, selbst Spross einer orthodoxen jüdischen Familie und einer jener politischen
Häftlinge, die Anfang 1945 von den slowakischen Behörden den Nationalsozialisten
übergeben und nach Mauthausen deportiert wurden, erinnert sich denn auch, dass
sich unter seinen Mitgefangenen neben politischen Häftlingen auch Juden und Roma
–
eine Kategorie, die ungeachtet der wenigen persönlichen Zeugnisse und des geringen
wissenschaftlichen Interesses nicht vergessen werden sollte – befanden.12 Vor seiner
Deportation nach Mauthausen – die Quittung für seine Beteiligung am Slowakischen
Nationalaufstand
– wurde Otto Wagner, als Gefangener jüdischer Abstammung, in den
jüdischen Arbeitslagern von Sered’ und Nováky festgehalten. Und er selbst bezieht sich
in der Schilderung seiner Zeit in Mauthausen auf die jüdischen Gefangenen als «wir»,
auf die politischen hingegen als «sie» – davon wird noch die Rede sein.13 Zudem war
für viele Gefangene Mauthausen nichts weiter als «noch ein Lager». Dass dieses in
erster Linie für politische Häftlinge bestimmt war, sollten sie erst von älteren Insassen
9 Yehoshua Büchler : The Deportation of Slovakian Jews to the Lublin District of Poland in 1942, in : Ho-
locaust and Genocide Studies 6.2 (1991), S. 151–166. Siehe nun auch Hariana Hausleitner et al. (Hg.) :
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland
1933–1945. Bd. 13 : Slowakei, Rumänien, Bulgarien, Berlin/Boston 2018, S. 18–45 (in Zukunft VEJ 13).
10 Ladislav Lipscher : Die Juden im Slowakischen Staat 1939–1945, München 1980, S. 179.
11 In den im Rahmen des MSDP geführten Interviews wird Wagners Vorname mit Oto, in allen anderen
Quellen (z. B. seiner Zeugenaussage für die Shoah Foundation sowie in Interviews mit slowakischen Me-
dien) hingegen mit Otto angegeben. Diese Schreibweise findet sich auch in den nach Otto Wagners Tod
Anfang 2017 erschienenen Traueranzeigen.
12 AMM, MSDP, OH/ZP1/357, Interview mit Oto Wagner, Interviewer : Zlatica Nižňanská, Bratislava, 24. 5.
2009.
13 USC Shoah Foundation Institute, Visual History Archive (USC-VHA), Interview 12466 mit Otto Wagner,
abgerufen an der Karls-Universität am 11. 09. 2012.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen