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413«Burschen,
ihr fahrt in das schlimmste Lager !» |
Deutschen Reichs, Wirtschaftsförderungsgesetzen und Steuererleichterungen sowie
der guten Wirtschaftspolitik der slowakischen politischen Entscheidungsträger»34.
Die slowakische Innenpolitik war die gesamte Kriegsperiode hindurch vom Macht-
kampf zwischen zwei miteinander konkurrierenden Flügeln innerhalb der Staatspartei
geprägt : den sogenannten Radikalen, repräsentiert vor allem durch Vizeministerpräsi-
dent Vojtech Tuka und Alexander Mach, den ideologischen Führer der Hlinka-Garde,
auf der einen Seite und den sogenannten Konservativen rund um den Ministerpräsi-
denten (und späteren Staatspräsidenten) Jozef Tiso auf der anderen. Woran sich die
Geister schieden, war der Umgang mit der «Judenfrage».35 Vereinfacht dargestellt
wollten die Konservativen (jedenfalls anfänglich) den angeblich unverhältnismäßigen
Einfluss der Juden in Gesellschaft und Wirtschaft durch Einführung eines Numerus
clausus «korrigieren», während den Radikalen ein rigoroseres Vorgehen, in der Art
Nazideutschlands, vorschwebte.
Wie Kopeček anmerkt, übte sich die «[k]onservativ-katholische Elite [in dieser Früh-
phase] aus pragmatischen Überlegungen heraus in relativer Toleranz», will heißen, dass
die Partei trotz der institutionellen Liquidierung sämtlicher anderer Parteien von der
Verfolgung ehemaliger Mitglieder der Linksparteien absah.36 Nach dem Oktober 1938
hatte die autonome Regierung zunächst das Verbot und daraufhin die Zerschlagung
der Linksparteien, einschließlich der Kommunistischen und der Sozialdemokratischen
Partei, verfügt. Andere Parteien
– die Agrarpartei, die Nationalsozialistische Partei, die
Volkspartei
– waren zwangsweise in «Hlinkas Slowakische Volkspartei
– Partei der Slo-
wakischen Nationalen Einheit» (Hlinkova slovenská ľudová strana – Strana slovenskej
národnej jednoty, HSĽS-SSNJ) eingegliedert worden,37 der Weiterbestand der Par-
teien der deutschen und ungarischen Minderheiten relativierte deren politische Mono-
polstellung lediglich formell. Die beiden anderen großen Minderheiten, die Tschechen
und die Juden, hatten keinerlei politische Vertretung, auch galt die angesprochene «re-
lative Toleranz» ihnen gegenüber nicht. Eduard Nižňanský zufolge, der eingehend zur
slowakischen Autonomie geforscht hat, zeichnete sich die Periode zwischen Oktober
1938 und März 1939 durch – gegen Juden und Tschechen gleichermaßen gerichtete –
Hysterie aus. Maßgeblich dafür war die damals herrschende antitschechische und anti-
34 Peter Mičko : Vplyv nacistického Nemecka na slovenské hospodárstvo v rokoch 1939–1945 [Der Einfluss
von Nazideutschland auf die slowakische Ökonomie in den Jahren 1939–1945], in : Šmigeľ/Mičko (Hg.),
Slovenská republika 1939–1945 očami mladých historikov IV, S. 52–63, hier 52.
35 Ivan Kamenec : Po stopách tragédie [Auf den Spuren der Tragödie], Bratislava 1991, S. 78. Eine Überset-
zung des Buchs ins Englische erschien 2007 u. d. T. On the Trail of Tragedy. The Holocaust in Slovakia,
Bratislava 2007.
36 Kopeček, Demokracie, diktatury a politické stranictví na Slovensku, S. 86.
37 Eduard Nižňanský : Židovská komunita na Slovensku medzi československou parlamentnou demokra-
ciou a slovenským štátom v stredoeurópskom kontexte [Die jüdische Gemeinde in der Slowakei zwischen
der tschechoslowakischen parlamentarischen Demokratie und dem Slowakischen Staat im mitteleuropä-
ischen Kontext], Prešov 1999, S. 164.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen