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414 | Hana Kubátová
jüdische Phobie, die das Regime berechnend einzusetzen wusste, um von seinen Miss-
erfolgen abzulenken.38 Ein solcher war der Schiedsspruch von Wien vom November
1938, durch den die Tschechoslowakei gezwungen wurde, Teile der Südslowakei und
des Karpatenvorlands, eine Gesamtfläche von über 10.000 Quadratkilometern, an Un-
garn abzutreten. Doch nicht nur das – von den 850.000 Bewohnern dieser Gebiete wa-
ren mehr als 250.000 ethnische Slowaken.39 Als Sündenböcke für dieses erste diploma-
tische Debakel kamen die Juden – mit ihrer angeblichen proungarischen (und folglich
antislowakischen) Haltung
– gerade recht, und so ließ die autonome Regierung in einer
höchst chaotischen Aktion mehr als 7500 Juden in die verlorengegangenen Gebiete
deportieren. Die ungarischen Behörden dachten freilich nicht daran, diese aufzuneh-
men, und schoben sie an die neue slowakisch-ungarische Grenze ab. In der Folge kam
es zur Errichtung der «ersten Internierungslager auf slowakischem Boden» – nämlich
in Miloslavov (nahe Bratislava) und Veľký Kýr (bei der Stadt Nitra).40
Durch die im Oktober 1938 erlangte Autonomie sah sich die Hlinka-Partei endlich
ermächtigt, auch gegen die tschechische Minderheit vorzugehen. Wie erwähnt, wur-
den die Tschechen von der Propaganda als Unterdrücker hingestellt, die sich gegen-
über den Slowaken sowohl politisch als auch ökonomisch viel zu viel herausnahmen.
Von offizieller Seite angeheizt, führte die antitschechische Stimmung zu wilden Säube-
rungen insbesondere im Bildungs- und Verwaltungsbereich. Zwischen Oktober 1938
und Juni 1939 mussten fast 18.000 tschechische Staatsbedienstete – mit Angehörigen
insgesamt 50.000 Personen – die Slowakei verlassen.41
Nach der Staatsgründung im März 1939 ging die Verfolgung der national bzw. po-
litisch Unzuverlässigen durch das Regime weiter ; nur wenige Tage nach Proklamation
der Unabhängigkeit wurden die laufenden Verhaftungen von politischen Gegnern für
rechtmäßig erklärt. Gemäß Regierungsverordnung vom März 1939 wurde im Gebäude
des ehemaligen Gefängnisses von Ilava, einer Stadt im Nordwesten des Landes, ein An-
haltezentrum eingerichtet
– für jene, deren «bisherige Aktivitäten ernsthaft befürchten
lassen, dass sie dem Aufbau des Slowakischen Staats im Wege stehen».42 Um nichts
dem Zufall zu überlassen, begann die Regierung im Mai 1939 mit der Registrierung
sämtlicher verdächtiger Personen.43 Dabei war die Kategorie jener, die als verdächtig
oder unzuverlässig anzusehen waren, denkbar weit gefasst – die gesamten Kriegsjahre
hindurch konnte bereits eine Kleinigkeit, etwa ein am Stammtisch geäußerter kriti-
38 Ebd., S. 8.
39 Ladislav Deák : Slovensko v politike Maďarska v rokoch 1938–1939 [Die Slowakei in der ungarischen
Politik in den Jahren 1938–1939], Bratislava 1990, S. 123.
40 Nižňanský, Židovská komunita na Slovensku, S. 51.
41 Valerián Bystrický : Vysťahovanie českých štátnych zamestnancov zo Slovenska v
rokoch 1938–1939 [Der
Exodus tschechischer Beamten aus der Slowakei in den Jahren 1938–1939], in : Historický časopis 45.4
(1997), S. 596–611. Siehe auch Baka, Politický systém a režim, S. 22.
42 Slovenský zákonník, 1939, Regierungsverordnung Nr. 32/1939.
43 Baka, Politický režim Slovenskej republiky, S. 79.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen