Page - 425 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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425«Burschen,
ihr fahrt in das schlimmste Lager !» |
Nach ihrer Verurteilung kamen Pavel Branko und die anderen zunächst in das Ge-
fängnis von Nitra, wo sie Zeugen des Slowakischen Nationalaufstands wurden. Nach
dessen Niederschlagung und der Besetzung der Slowakei durch deutsche Truppen wur-
den sie nach Leopoldov, ein Gefängnis für Langzeithäftlinge, verlegt. Dort saß Branko
bis zum 19. Februar 1945 ein ; kurz zuvor hatte sich «das Gerücht verbreitet, dass sie
uns politische Gefangene nach Deutschland bringen würden». Zwischen 250 und 280
politische GefangeneÂ
– «ich glaube, das Wort politisch meinte damals kommunistisch»,
sagt BrankoÂ
– wurden nach Bratislava gebracht und am frühen Morgen des 19. Februar
auf fĂĽnf Armeefahrzeuge verladen.94
Ján Šagát, geboren 1923 in Brezová, wuchs als eines von sechs Kindern in ärmlichen
Verhältnissen auf. Neben der Schule musste er Ziegen hüten und gemeinsam mit sei-
nen älteren Geschwistern auf die jüngeren aufpassen. Sein Vater stand im Dienst «bei
diesem Herrn, beim Juden hat er gearbeitet, hat gearbeitet auch länger, als notwendig
gewesen ist» ; die Mutter war zu Hause und kümmerte sich um die Familie. Die materi-
ellen Verhältnisse der Familie fasst Ján Šagát mit den Worten zusammen : «[W]ir haben
uns geplagt.»95 Bald nach Abschluss einer Gerberlehre wurde Ján Šagát zum Militär-
dienst berufen. Er wurde mehrfach in Hilfsbataillonen eingesetzt, unter anderem bei
den Aufräumarbeiten in der Bratislavaer Apollo-Raffinerie, die im Juni 1944 durch
Bombenangriffe zerstört worden war. Als er einmal Blindgänger bergen sollte, rannte
er davon. Er schloss sich den Partisanen an, fiel aber den Deutschen in die Hände, die
ihn fĂĽr fast neun Monate einsperrten.96 Wie Otto Wagner und Pavel Branko landete
auch Ján Šagát in Bratislava, wie diese wurde er am frühen Morgen des 19. Februar
1945 zusammen mit anderen politischen Gefangenen und «unzuverlässigen Elemen-
ten» von der Gestapo in den Hof geführt und auf mit Planen bedeckte Armeelastwägen
verladen. Begleitet von je zwei bis drei mit Maschinenpistolen bewaffneten Deutschen
setzten sich die Fahrzeuge in Bewegung. Ihr Ziel war Mauthausen.
Als der Konvoi sich der Stadt Melk näherte – daran erinnert sich jeder der drei
Männer –, heulten plötzlich Sirenen auf, und unmittelbar darauf folgte eine Attacke
der Alliierten – zunächst aus der Luft, dann durch MG-Beschuss. Bereits der erste
Angriff, so Pavel Branko, setzte vier der fĂĽnf Fahrzeuge auĂźer Gefecht ; nur einesÂ
– das,
in dem er sich befand – konnte die Fahrt fortsetzen. Bis zum dritten Luftangriff konn-
ten die Gefangenen auf den Fahrzeugen gehalten werden ; dann sprangen die, die sich
noch bewegen konnten, ab. Eine kleine Gruppe versuchte zu fliehen, scheiterte jedoch.
Rund fĂĽnfzig Gefangene kamen auf der Stelle ums Leben, etwa ebenso viele erlagen
kurz darauf ihren Verletzungen.97 Wer unversehrt geblieben war, musste mithelfen, die
reiche andere Themen wie seine Internierung in Mauthausen sind nachzulesen auf seiner Website, siehe
URL: http://www.pavel.branko.eu/ (15. 10. 2020).
94 AMM, MSDP, OH/ZP1/352, Interview Branko.
95 AMM, MSDP, OH/ZP1/346, Interview Šagát.
96 Ebd.
97 AMM, MSDP, OH/ZP1/352, Interview Branko.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen