Page - 434 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
Image of the Page - 434 -
Text of the Page - 434 -
434 | Regina Fritz
Italien – das Bündnis mit dem Reich lösen, hatte zu der Entscheidung geführt, das
verbĂĽndete Ungarn zu besetzen. Als Hauptgrund fĂĽr die Besatzung wird neben der
militärischen Sicherung Südosteuropas auch die wirtschaftliche Zwangslage des Deut-
schen Reichs hervorgehoben. Mit dem ungarischen Austritt aus dem Krieg hätte das
Reich den Zugriff auf die ungarischen Bauxit- und Ă–lvorkommen, deren Besitz als
«kriegsentscheidend» eingestuft wurde, verloren.8
In den ersten Wochen nach der deutschen Okkupation wurden zur EinschĂĽchterung
Tausende von Ungarn, in erster Linie Industrielle, Politiker des autoritär-konservativen
Regimes, Oppositionelle und Intellektuelle, verhaftet.9 Die Verhaftungen beruhten
auf vorbereiteten Listen, aber auch auf einer groĂźen Zahl von Denunziationen. Der
ehemalige ungarische Finanz- bzw. Außenminister Gusztáv Gratz, der mit einem der
ersten Transporte in Mauthausen eintraf, erinnerte sich kurz nach dem Krieg :
«Nach und nach erfuhr ich, dass der Minister des Inneren, Keresztes-Fischer, meine Freunde
Baranyai, Sigray, Rassay und Csekonics von deutschen Polizeiorganen aus ihren Wohnungen
weggeschleppt worden waren. Von Bethlen hieĂź es, dass er bei dem Reichsverweser Schutz
gefunden habe, vom Ministerpräsidenten Kállay, dass er in die türkische Botschaft geflüch-
tet sei. Ich musste darauf gefasst sein, dass mir dasselbe Los beschieden sein wird, war ich
doch ein bekannter Monarchist, wie Sigray und Csekonics, ein ausgesprochener Liberaler,
einer der wenigen Bekämpfer der Judengesetze, wie Rassay und überdies noch der exponier-
teste Gegner der ‹Volksdeutschen› […]. Der Tag verging aber, ohne dass ich gesucht worden
wäre.»10
Gratz, der aus einer deutschen evangelischen Pfarrersfamilie stammte und sich als Le-
gitimist fĂĽr die Restauration der Habsburgermonarchie stark gemacht hatte, wurde
schlieĂźlich am 1. April von deutschen Offizieren in seiner Wohnung aufgesucht und
zu einem Verhör ins Gefängnis für den Budapester Landbezirk gebracht. Die nächsten
8 Vgl. Gerlach /Aly, Das letzte Kapitel, S. 97.
9 Szabolcs Szita : Együttélés, üldöztetés, holokauszt [Zusammenleben, Verfolgung, Holocaust], Budapest
2001, S. 178.
10 Gustav Gratz : Augenzeuge dreier Epochen. Die Memoiren des ungarischen AuĂźenministers Gustav
Gratz 1875–1945, hg. v. Vince Paál u. Gerhard Seewann, München 2009 (Südosteuropäische Arbeiten,
137), S. 538 f. Ferenc Keresztes-Fischer (1881–1948), war von 1932 bis 1935 und von 1938 bis 1944 In-
nenminister. Lipót (Leopold) Baranyai (1894–1970) war Gouverneur der Ungarischen Nationalbank
und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Antal Sigray (1879–1947) war Mitglied des Oberhauses.
Károly (Karl) Rassay (1886–1958) war Mitglied des Parlaments, Gründer der Bürgerlichen Freiheitspar-
tei (Polgári Szabadságpárt) und der liberalen Tageszeitung «Esti Kurir» (Abendkurier). Iván Csekonics
(1876–1951) war Diplomat und auch Mitglied des Oberhauses. István Bethlen (1874–1946) war von
1921 bis 1931 ungarischer Premierminister ; er ging im März 1944 in den Untergrund und wurde im
Dezember 1944 nach Moskau verschleppt, wo er starb. Miklós Kállay (1887–1967) war von 1942 bis zum
deutschen Einmarsch Ministerpräsident und zuletzt auch Außenminister. Er wurde im November 1944
verhaftet und als Sonderhäftling der SS über Mauthausen in das KZ Dachau gebracht.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
back to the
book Deportiert nach Mauthausen, Volume 2"
Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen