Page - 435 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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435«Dieser
Weg war vielleicht mein furchtbarstes Erlebnis.» |
Tage verbrachte er in Haft und wurde Mitte April 1944 ĂĽber Wien in das Arbeitserzie-
hungslager Oberlanzendorf transportiert :
«Man kann sich mein Erstaunen vorstellen, als ich den Hof mit ungarischen Freunden gefüllt
sah. Der erste, den ich erblickte, war Graf Sigray, der sich einen Vollbart stehen gelassen hatte,
in einem Lammfellpelz steckte und damit einen ungewohnt romantischen Anblick bot. Dann
sah ich Karl Rassay und den Grafen Georg Apponyi, ferner Leopold Baranyai und den gewe-
senen Minister Laky, meine beiden sozialistischen Angeordnetenkollegen (sic !), Peyer und
Malasits, ferner den Grafen Ivan Csekonics, den gewesenen Gesandten in Madrid, General
Andorka, die Abgeordneten Somogyváry, Szentiványi und Rátz, die Publizisten Parragi und
Iván Lajos und den früheren Abgeordneten Perlaki, der einst mein Gegenkandidat in Bony-
hád gewesen war.»11
Der GroĂźteil der im FrĂĽhjahr 1944 Verhafteten wurde im Konzentrationslager Maut-
hausen inhaftiert, wo am 25. April 1944 ein erster Transport mit 53Â Personen aus Un-
garn eintraf.12 In den anschließenden Tagen folgten weitere Transporte. «Am Abend
des vierten Mai trat ein uniformierter Beauftragter des Lagerkommandos in unseren
Wohn- und Schlafraum und teilte uns mit, wir mögen uns am nächsten Morgen um
sieben Uhr früh zur Abreise bereithalten, da wir Lanzendorf verlassen werden», erin-
nerte sich später Gusztáv Gratz.13 Dem 69-jährigen Mann, der in hohen politischen
Kreisen verkehrt hatte und an einen vornehmen sozialen Umgang gewöhnt war, blie-
ben vor allem die 24 Stunden nach der Ankunft in Mauthausen einprägsam im Ge-
dächtnis. Der Empfang am Bahnhof von Mauthausen und die folgenden Stunden, die
11 Ebd., S. 564 f. Dezső Laky (1887–1962) war Wirtschaftswissenschaftler, Mitglied der Akademie der Wis-
senschaften sowie ab 1939 Abgeordneter der nationalistischen regierenden Partei des Ungarischen Le-
bens (Magyar Élet Pártja). Károly Peyer (1881–1956) war Führer der sozialdemokratischen Fraktion
im Parlament. Géza Malasits (1874–1948) war sozialdemokratischer Abgeordneter. Rudolf (Rezső) An-
dorka (1891–1961) war Armeeoffizier und von 1939 bis 1941 Botschafter in Madrid. Gyula Somogyváry
(1895–1953) war Schriftsteller, Journalist und Abgeordneter der Partei des Ungarischen Lebens. Lajos
Szentiványi (1883–1956) war Abgeordneter der Kleinbauernpartei. Kálmán Rátz (1888–1951) war von
1935 bis 1939 Abgeordneter und gründete 1941 die Unabhängige Sozialistische Partei (Független Magyar
Szocialista Párt). György Parragi (1902–1962) sprach sich als Journalist offen gegen den deutschen Ein-
fluss in Ungarn aus. Iván Lajos (1906–1949), ein Journalist mit monarchistischer und antifaschistischer
Gesinnung, hatte bereits 1939 ein Buch veröffentlicht, in dem er im Fall eines Krieges eine deutsche Nie-
derlage vorhersagt. György Perlaki war bis 1935 Abgeordneter der regierenden Partei des Ungarischen
Lebens gewesen.
12 Szabolcs Szita spricht von 54 Personen aus Szekszárd, Barcs und Pécs. Vgl. Szabolcs Szita : Ungarn in
Mauthausen. Ungarische Häftlinge in SS-Lagern auf dem Territorium Österreichs, Wien 2006 (Mauthau-
sen-Studien, 4), S. 55. Während Maršálek die Personengruppe als Aristokraten, Politiker und Großindu-
strielle charakterisiert, weist Szita darauf hin, dass die Gruppe aus jüdischen Anwälten, Geschäftsleuten
und Spediteuren sowie aus Handwerkern bestand. Hans Maršálek : Die Geschichte des Konzentrationsla-
gers Mauthausen. Dokumentation, Wien 42006 [1974], S. 147.
13 Gratz, Augenzeuge dreier Epochen, S. 572.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen