Page - 436 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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436 | Regina Fritz
er als die unangenehmste Erfahrung beschrieb, «die ich seit meiner Verschleppung aus
Budapest durchgemacht habe», erschütterten sein bisheriges Weltbild massiv :
«Gleich beim Verlassen des Eisenbahnzuges wurde uns zum Bewusstsein gebracht, dass,
wenn wir uns bisher einbildeten, nur politische Gefangene zu sein, worunter wir verstanden
haben, dass wir etwas Besseres sind als die gewöhnlichen Missetäter und daher auch eine an-
dere Behandlung verdienen, von jetzt an jede derartige feine Unterscheidung ihre Gültigkeit
verloren hat. Ich entstieg dem Zug als Erster und wurde von einem jungen Burschen in SS-
Uniform angebrüllt, ich solle etwas tun, was ich nicht verstanden habe. Als ich mich höflich
zu ihm wandte und fragte, wohin ich gehen sollte, versetze er mir mit den in seiner Hand
befindlichen dicken Handschuhen eine regelrechte Ohrfeige, packte mich dann am Arm und
stieß mich über das Geleise, indem er auf eine Gruppe Menschen zeigte, die bei dem Ausgang
bereits versammelt waren. Es blieb mir nichts übrig, als die Ohrfeige einzustecken. Vergessen
habe ich sie nicht und ich werde sie auch wohl nicht vergessen. Sie hat auch die letzten Spuren
objektiver Nachsicht vernichtet, [mit] der ich den Geist des neuen Deutschland mitunter zu
beurteilen bemüht war. Ein System, das einem zwanzigjährigen Burschen gestattet, es von
ihm vielleicht sogar erwartet, dass er einen alten Mann von fast siebzig Jahren, der sich gar
nichts zu Schulden kommen ließ, ins Gesicht zu schlagen, richtet sich selbst.»14
Nach einem zweistündigen Fußmarsch kam Gratz zusammen mit seiner Mitgefange-
nen im Stammlager Mauthausen an. «Drinnen wurden wir rechts vom Tore aufge-
stellt und jeder von uns bekam zunächst eine Nummer. Ich z. B. die Nummer 65
360.»15
Nach dem Entkleiden wurden den Neuankömmlingen die Haare geschoren sowie Bart
und Schnurrbart rasiert. «Nach dem Bad erhielt ein jeder den blau-weiß gestreiften
Sträflingsanzug und waren von nun an von den gewöhnlichen Verbrechern überhaupt
nicht zu unterscheiden.»16 Gratz wurde zunächst im Sanitätslager untergebracht, be-
reits einen Tag später jedoch ins «Revier» verlegt, wo er sich in einer halbwegs privi-
legierten Situation befand, wie ihm auch seine Mitgefangenen versicherten. Deutlich
spiegelt sich dies in seinen Erinnerungen wider, in denen er nicht nur bekundet, in der
Zeit seiner Haft in Mauthausen nicht Augenzeuge von «Grausamkeiten, Folterungen,
Massenmorde[n] und beispiellose[n] Rohheiten»17 geworden zu sein, sondern auch
über Extrakost und den Erhalt von Lebensmittelpaketen von zu Hause berichtet, mit
deren Hilfe er seine Lebenssituation massiv verbessern konnte.
Obwohl die meisten anderen «prominenten» Häftlinge aus Ungarn, die im Früh-
jahr 1944 in Mauthausen eintrafen und in einer eigenen Baracke untergebracht wur-
den, keine Extrakost erhielten, waren auch sie in einer günstigeren Situation als der
14 Ebd., S. 574.
15 Ebd., S. 575.
16 Ebd., S. 576.
17 Ebd., S. 592.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen