Page - 451 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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451«Dieser
Weg war vielleicht mein furchtbarstes Erlebnis.» |
«Diese Verlegungen hatten schwere Konsequenzen zur Folge : nämlich, im Lager wo man
gerade war, hatte man einen bestimmten Freundeskreis, mit dem man die wenigen Stunden
der Freizeit, zwischen 8.00 und 9.00Â Uhr abends, verbringen konnte. Dadurch kamen auch
Beziehungen zustande, durch die wir uns vielleicht zusätzliche Nahrungsmittel verschaffen
konnten, man konnte Lebensmittel umtauschen oder Ähnliches, man hatte halt irgendwelche
Quellen. Auch im Revier selbst, das heiĂźt im Krankenhaus, gab es Beziehungen, durch die
man vielleicht ein Aspirin oder ein anderes Mittel bekommen konnte, was sonst kaum mög-
lich war im Lager. Als man in ein anderes Lager versetzt wurde, war mit alledem Schluss. Man
war halt ein Neuling … und es dauerte eine gewisse Zeit, bis man sich neue Verbindungen
schaffen konnte.»71
Dabei konnte vor allem auch ein Arbeitskommando Gelegenheit bieten, Kontakt mit
anderen Mithäftlingen, aber auch zur Außenwelt zu knüpfen oder Essen in das Lager
zu schmuggeln – Möglichkeiten, die in den provisorischen Lagern, in denen die Häft-
linge keine Zwangsarbeit leisten mussten, nicht bestanden.
Positiv konnte sich auswirken, wenn sich Angehörige aus der eigenen nationalen
oder politischen Gruppe bereits im Lager befanden und ĂĽber eine Struktur zur gegen-
seitigen Hilfe verfĂĽgten, etwa indem sie wichtige Funktionen in der Lagerhierarchie
besetzen konnten. So konnte Ferenczi beispielsweise von der Solidarität der spani-
schen Häftlinge profitierten, die ihn als gleichgesinnten Kommunisten erkannten und
ihm halfen, in der Schneiderei unterzukommen, eine leichte körperliche Arbeit, die
seinen Qualifikationen als Schneider entgegenkam. Doch auch Gusztáv Gratz berichtet
in seiner Autobiografie, dass er seine Verlegung ins Krankenrevier von Mauthausen,
das in erster Linie Häftlingen vorbehalten war, die wichtigere Positionen in der Häft-
lingsselbstverwaltung innehatten, der Fürsprache tschechischer Häftlinge zu verdan-
ken hatte :
«Dem Namen nach war ich den Tschechen natürlich gut bekannt, war ich doch in Ungarn
derjenige, der sich am kräftigsten für eine Aussöhnung zwischen Ungarn und Tschechen ex-
poniert hatte. Sie umringten mich, der eine bot mir Vitamintabletten anÂ
– deren Wert ich erst
später erkennen sollte – der andere Zigaretten […].»72
Die seit Winter 1944 evakuierten ungarisch-jüdischen Häftlinge konnten meist nicht
an eine solche Solidaritätsgemeinschaft anknüpfen. Nur in Ausnahmefällen gelang es
ihnen, eine höhere Position in der Häftlingshierarchie zu übernehmen. Zum Zeitpunkt
ihres Eintreffens im Lager waren diese Positionen in den meisten Fällen bereits aus-
gefüllt. Als jüdische Häftlinge hatten sie ohnehin wenige Chancen auf bedeutendere
Funktionen.
71 AMM, MSDP, OH/ZP1/695, Interview mit Dušan Stefančič, Interviewer : Božo Repe, Ljubljana, 8. 1. 2003.
72 Gratz, Augenzeuge dreier Epochen, S. 576.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen