Page - 463 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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lange Weg |
werden ; alle drei wurden wegen Widerstandstätigkeit inhaftiert. Der Deportation gin-
gen ein- bis mehrmonatige Inhaftierungen mit Zwangsarbeit voraus. Als die Frauen
nach Dnepropetrowsk zur Bahnstation gebracht wurden, wussten sie nicht, wohin der
Zug sie fahren wird. Diese drei Frauen sprechen davon, dass zur gleichen Zeit auch
einige Tausend Männer deportiert, aber nicht nach Mauthausen gebracht wurden.20
Nadeschda Tereschtschenko erzählt im Interview, wie sie sich der Deportation entzie-
hen wollte :
«Als man uns von hier weggetrieben hat, aus diesem Lager, hinter das Umspannwerk, hier in
Dnepropetrowsk, da – ich weiß nicht, wie das funktioniert hat –, da ist auch die Mama hin-
ausgekommen und die Schwester und diese unsere Organisatorin, Nikolajewna, und deren
Schwester, kurz, ein ganzer Haufen Leute ist hinausgekommen. Sie wollten mich aus dieser
Truppe herausziehen, ich wollte weglaufen. Sie zeigen mir dort schon : Sie haben andere Klei-
der bei sich. Und einer von diesen SSlern, wie man sie genannt hat, in schwarzer Uniform, hat
das bemerkt und mir einen Schlag mit dem Stock versetzt und mich dorthinein gestoĂźen, in
die Fünferreihe, bis ans Ende.»
KV : «Geschlagen hat er mit dem Stock ?»
NT : «Er hat mir mit dem Stock auf die Schultern geschlagen und mich in die Fünferreihe
gestoĂźen, ans andere Ende, damit ich nicht am Rand gehe, sondern am anderen Ende. Und
diese meine Verwandten und Bekannten hat er auseinandergejagt. Und nicht nur meine, da
waren weiĂź Gott wie viele Leute hinter uns. [Weint.] Und alle wurden verjagt, damit keiner
von uns flüchtet.»21
Ungeklärt ist bislang, warum im Frühjahr 1944 mindestens 50 bis 70 italienische Wi-
derstandskämpferinnen nichtÂ
– wie sonst ĂĽblichÂ
– direkt ins KZ Ravensbrück, sondern
ĂĽber Mauthausen nach Auschwitz deportiert wurden. Der italienische KZ-Ăśberle-
bende Italo Tibaldi eruierte drei Gruppen von Frauen aus Italien, die nach Mauthausen
überstellt wurden und alle den sogenannten «Streikertransporten» zuzurechnen sind.22
20 Tatsächlich befanden sich in dem Transport nach Mauthausen auch über tausend Männer. Vgl. dazu den
Beitrag von Alexander Prenninger in diesem Band.
21 AMM, MSDP, OH/ZP1/031, Interview mit Nadeschda Michajlowna Tereschtschenko, Interviewer : Kirill
Wasilenko, Dnepropetrowsk, 7. 5. 2002.
22 Üblicherweise wurden die italienischen weiblichen politischen Häftlinge nach Ravensbrück, die italie-
nischen Jüdinnen nach Auschwitz deportiert. Vgl. Schriftverkehr zwischen Italo Tibaldi (Comité Inter-
national de Mauthausen) und Andreas Baumgartner vom 21. 12. 1996 (im Folgenden : Schriftverkehr
Tibaldi – Baumgartner), im Archiv des Instituts für Konfliktforschung (IKF), Sammlung Baumgartner.
Dieser beinhaltet eine Namensliste von Frauen, die zwischen 16. März 1944 und April 1944 nach Maut-
hausen deportiert wurden. Tibaldis Forschungen waren Ausgangspunkt fĂĽr Giuseppe Valotas Erhebun-
gen, der sich mit den sogenannten Streikertransporten beschäftigte. Er bestätigte Tibaldis Erkenntnisse
zu weiten Teilen und ergänzte diese um weitere Namen und Daten ; vgl. Giuseppe Valota : Streikertrans-
port. La deportazione politica nell’area industriale di Sesto San Giovanni (1943–1945) [Streikertransport.
Die politische Deportation in der Industriegegend von Sesto San Giovanni (1943–1945)], Mailand 2007
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen