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470 | Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr
waren fünf schwierige Tage und Nächte. Und die fünfte Nacht / aber / aber, ah / das / in diesen
Waggons gab es Waggons / gab es Tote. Und in unserem Waggon wurde das eine Katastrophe,
wir schnauzten uns gegenseitig an, selbst jene, die sich sehr gern hatten, man geriet sich in
die Haare für irgendwas. Also gibt es zwei oder drei, die sagten : ‹Gut, das geht so nicht, wir
müssen/ wenn wir hier drinnen sterben müssen, müssen wir in Würde sterben.› Also orga-
nisierten wir uns, wir streckten uns abwechselnd aus, wir schnappten abwechselnd Luft im
hinteren Teil des Waggons, schließlich, das, wir, wir versuchten, es ein wenig angenehm im
Waggon zu machen. Und die fünfte Nacht, im Laufe der fünften Nacht, kamen wir an einem
Ort an, wir wussten gar nicht, wo wir waren.»47
Schließlich kam am 15. April 1945 ein weiterer großer Transport in Mauthausen an,
mit ihm die letzten 220 Frauen, die in Mauthausen registriert wurden.48 Auch diese
Frauen hatten im Zuge von Mehrfachevakuierungen einen langen und beschwerlichen
Weg hinter sich, bevor sie Mauthausen erreichten : Ende Juli 1944 wurden ca. 300
Häft-
linge nach Zillerthal-Erdmannsdorf, einem Außenlager von Groß-Rosen, zur Zwangs-
arbeit in einer Textilfabrik verfrachtet, großteils ungarische und polnische Jüdinnen
aus Auschwitz. Mitte Februar 1945 wurden sämtliche Lagerinsassinnen nach Mor-
chenstern (Smržovka), ebenfalls ein (neu gegründetes) Außenlager von Groß-Rosen,
gebracht. Am 15. März 1945 kamen 294 von ihnen nach Mittelbau-Dora, und zwar
in das Außenlager Großwerther, wo sie in zwei großen Gasthaussälen untergebracht
wurden. Am 4. April wurden auch sie Richtung Westen in Marsch gesetzt. Zwei Tage
später mussten sie im Bahnhof Herzberg einen Zug, mit männlichen Häftlingen aus
Mittelbau kommend, besteigen, der sie am 15. April 1945 nach Mauthausen brachte.49
Im Zuge der Evakuierungstransporte kamen die Frauen oft gemeinsam mit männ-
lichen Häftlingen nach Mauthausen, wie etwa die vielen ungarischen Jüdinnen, die
aufgrund des Näherrückens der Front im Osten zu Fuß nach Mauthausen und weiter
ins Außenlager Gunskirchen getrieben wurden.50 Das heißt, diese Frauen waren zuvor
in keinem Konzentrationslager, sondern in diversen ungarischen Ghettos oder Sam-
mellagern, bevor sie zur Zwangsarbeit an die österreichisch-ungarische Grenze und
nach Österreich verschleppt wurden. Von allen Transporten nach Mauthausen sind die
Wege der ungarischen Todesmärsche mit den meisten Toten gesäumt, meist namenlose
Opfer, deren Anzahl unbekannt ist. Von einem in Marbach gelegenen Zeltlager wur-
47 AMM, MSDP, OH/ZP1/331, Interview mit Gisèle Guillemot, Interviewerin : Julia Montredon, Seillans/
Paris 1. 8./26. 9. 2002.
48 Sie hatten die Nummernserie 2857 bis 3077.
49 Vgl. Baumgartner, Die vergessenen Frauen, S. 184–187.
50 Szabolcs Szita, Verfolgung – Zwangsarbeit im Burgenland – Todesmärsche, Vortrag am Seminar Stadt
Schlaining, 18. 10. 2003, URL : http://www.erinnern.at/e_bibliothek/seminarbibliotheken-zentrale-semi
nare/abbild-und-reflexion/412_Szita%20Verfolgung%20-%20Zwangsarbeit%20im%20Burgenland%20
-%20Todesmaersche.pdf (29. 9. 2020), S. 10 ; Eleonore Lappin : Die Todesmärsche ungarischer Juden
durch Österreich im Frühjahr 1945, URL : http://www.ejournal.at/Essay/todmarsch.html (29. 9. 2020).
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen