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474 | Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr
«Also, – – im Juni ’44 gab es auf der Brücke von Piuma eine Sperre. Da waren faschistische
Milizsoldaten, und die Botin, die als Kurier fungierte an jenem Tag, sie hatten nämlich de-
portiert, die Partisanen weggebracht, [deshalb] hatte sie nicht den Mut, etwas ĂĽber die BrĂĽcke
zu bringen, und sie haben mich zum ersten, zum ersten Mal beauftragt, dass ich den Zettel
über die Brücke bringen sollte, und ich habe ihn seelenruhig in die Geldbörse gesteckt, ohne
Verstecken, ohne nichts, ich war mir so sicher, dass nichts passieren wĂĽrde, weil /. Doch sie
haben mich festgenommen, sie haben die Dokumente kontrolliert […]. Bei den anderen ha-
ben sie keine Papiere verlangt, bei mir schon, aber ich habe ihnen meine Geldbörse gegeben,
alles, und sie haben diese Karte drin gefunden.»66
Auch fĂĽr so manche ukrainische und russische Zwangsarbeiterin kam die Deporta-
tion ins Deutsche Reich unerwartet, wenngleich sie zuvor schon immer wieder mit
den deutschen Machthabern konfrontiert und auch zu diversen Arbeiten zwangsver-
pflichtet worden waren. Die künftigen «Ostarbeiterinnen» wurden, wie so viele andere
Verfolgte, ohne Erklärung mitgenommen. Sie fanden sich mit Hunderten Leidensge-
nossinnen in Sammelstellen und am nächsten Tag in Güterwaggons Richtung Westen
wieder.67 Für die meisten hieß dies, nichts an persönlichen Gegenständen, Kleidung
oder Essen mitnehmen zu können.
Die meisten politisch Verfolgten unter unseren Interviewpartnerinnen beschreiben
die Verhaftung eingebettet in Erzählungen über die Widerstandsgruppe. Vielfach wa-
ren sie sich der Gefahr bewusst, in die sie sich begaben, insbesondere nachdem ein
Kamerad oder eine Kameradin festgenommen worden war oder wenn GerĂĽchte ĂĽber
bevorstehende Razzien kursierten. Einer Verhaftung konnten sie sich aber dennoch
nicht entziehen. Die einen wollten nicht aufgeben und ihre Gefährtinnen im Stich las-
sen, ähnlich der Haltung von Huguette Gallais’ Vater : «Das ist ganz und gar nicht mein
Stil, die Flucht !»68 Die anderen gaben dem Drängen der Mutter, doch dazubleiben,
nach.69 Oder die Verhaftung war eine Folge aus Unvorsichtigkeit, Verrat und Unerfah-
renheit zusammen :
«Und dann wir, wir sind zu einem guten Dutzend da verhaftet worden. Ein anderer Verant-
wortlicher ist ebenfalls verhaftet worden, immer noch wegen dieser Frau, die alles erzählt
rusalem, 11. 7. 2002. Aus diesem Interview geht nicht eindeutig hervor, was nun konkret die Verhaftung
verursachte.
66 AMM, MSDP, OH/ZP1/517, Interview mit Slava Primozic, Interviewerin : Viviana Frenkel, Gorizia, 12. 11.
2002.
67 Vgl. AMM, MSDP, OH/ZP1/152, Interview mit Nadeschda Filippowna Bulawa, Interviewer : Kirill Wasi-
lenko, Donezk, 16. 6. 2002.
68 AMM, MSDP, OH/ZP1/333, Interview mit Huguette Gallais, Interviewerin : Julia Montredon, Fougères,
25. 11. 2002.
69 AMM, MSDP, OH/008, Interview mit Andrée Dumon, Interviewer und Interviewerin: Brigitte Halbmayr
und Christian DĂĽrr, 12. 4. 2008.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen