Page - 477 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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477Der
lange Weg |
SĂĽdostwalls in Richtung Mauthausen. Die ersten JĂĽdinnen und Juden wurden am
24. März 1945 Richtung Mauthausen getrieben – «[d]er – bis heute denkwürdige –
Menschenzug dauerte noch in der ersten Aprilhälfte an»79 – und viele von ihnen wei-
ter nach Gunskirchen.
Hunger, Durst, Verelendung, Schikanen und Entbehrungen aller Art prägten diese
Todesmärsche. Stellvertretend für viele seien im Folgenden Erzsebet Friedmann und
Marta GrĂĽnfeld zitiert, die am 4. Juli 1945 ĂĽber ihren Todesmarsch von Harka (Har-
kau) bei Sopron sowie Deutschkreutz und Loretto im Burgenland nach Mauthausen
zu Protokoll gaben :
«In Deutschkreutz kamen insgesamt 1500 Personen an. Wir wurden auf einem Dachboden
untergebracht, der nicht nur sehr klein war, aber auch sehr schmutzig. Schon am Weg gab es
immer wieder Fälle von Ruhr, und als wir ankamen, waren viele Frauen bereits vollkommen
erschöpft. Nach zwei Wochen lebten von den 1500 Frauen nur mehr 1050, von diesen wur-
den neunhundert weitergebracht, 150, darunter auch ich, blieben da, um den Dachboden zu
reinigen. Nach einigen Tagen brachte man uns nach Harka. […] Am 28. März wurden wir
wieder in Marsch gesetzt. Am Weg selbst wurden wir getrieben und geschlagen. Wer nicht
nachkam und sich fĂĽr einen Moment setzte, wurde erschossen. Eine Nacht marschierten wir
von Abend sechs Uhr bis fünf Uhr am Morgen in der Dunkelheit – ohne Rast. Da kamen wir
in einem Ort namens Loretto an, wo SS-Soldaten mit Stöcken standen und man ihnen nicht
ausweichen konnte, man musste durch sie durchlaufen. Sie peitschten die Menschen, und alle,
die sie nur irgendwie erreichen konnten, schlugen sie [mit] Stöcken, Armen und Gewehrläu-
fen. Auch mich erwischten sie am Kopf, noch heute habe ich eine Narbe davon. Es gab welche,
die ihren Rucksack ablegen mussten, und danach musste man ihn wieder aufheben und dann
schlugen sie einem oder traten einen nieder. Es war ein schreckliches Blutbad.»
«Danach wurden wir einwaggoniert. Im Zug bekamen wir fünf Tage nichts zu essen, auch aus
Harka hatte man uns ohne Proviantierung in Marsch gesetzt. Der Zug musste oft anhalten,
weil die Wege bombardiert wurden. Dann liefen wir auf ein Feld, rissen Gras oder sammelten
Schnecken, manchmal kochten wir alles, manchmal aĂźen wir alles einfach roh. Wenn wir
irgendwo Kartoffel finden konnten, war es schon ein Fest.»
«Schließlich kamen wir in Mauthausen an. Hier war ich vielleicht zehn Tage.»80
men, dass sie für die Zwangsarbeit nicht mehr zu gebrauchen waren, wurden die Deportationen später
per Bahn durchgeführt ; vgl. Szabolcs Szita : Die Todesmärsche der Budapester Juden im November 1944
nach Hegyeshalom-Nickelsdorf, in : zeitgeschichte 22.3/4 (1995), S. 124–137, zit. nach Lappin, Todes-
märsche ungarischer Juden.
79 Szita, Verfolgung – Zwangsarbeit im Burgenland, S. 10.
80 DEGOB-Bericht (BĂĽro des Landeskomitees zur Betreuung der Deportierten) : Erzsebet Friedmann und
Marta GrĂĽnfeld, Protokoll aufgenommen am 4. Juli 1945, IKF, Sammlung Baumgartner.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen