Page - 486 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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486 | Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr
Ort zum anderen war nichts Regelmäßiges, war unterbrochen von langen Wartezeiten
auf Abstellgleisen aufgrund zerstörter Gleisanlagen oder durch Luftangriffe der Alli-
ierten. Die Zeit zog sich ins Unendliche ; die mangelnde bis inexistente Versorgung
mit Lebensmitteln, das Fehlen der grundlegendsten hygienischen Standards (wie etwa
eines Klosetts), der geschwächte körperliche Zustand durch Zwangsarbeit, Mangeler-
nährung und lange Inhaftierung, all dies dehnte die subjektive Dauer unerbittlich. In-
terviewpartnerinnen, die im Transport aus dem FlossenbĂĽrger AuĂźenlager Freiberg
und Venusberg nach Mauthausen kamen – ein Transport, der 15 Tage unterwegs war
und bei dem die (meisten) Häftlinge einen Teil der Strecke in offenen Kohlewaggons
Wind und Wetter ausgesetzt waren und nahezu ohne Essen und Wasser auskommen
mussten –, beschreiben ihren Zustand als einen der Lethargie und der physischen
Ohnmacht.94 Aviva Goldshtayn verwendet hierfĂĽr die Metapher des Todes :
«Als wir uns aus Freiberg fortbewegten, noch ein bisschen Menschen, genoss ich die Land-
schaft. Weil es eine wunderschöne Landschaft war. Nachher war ich schon tot. Das heißt,
mich interessierte nichts mehr.»95
Es verwundert auch nicht, dass die Erzählungen über die Transporte von den Themen
Essen, Trinken und Notdurft, den elementaren, aber von der SS verwehrten BedĂĽrfnis-
sen dominiert werden, wie etwa bei Regina Lamstein :
«Keine Pause, man hat uns nicht geöffnet die Tür. Man hat keinen reingelassen. Nicht biss-
chen Wasser und ich war, die ganze Zeit war ich ohnmächtig. – Warum war ich, weil ich, ich
fieberte. Und die, die Läuse, ich weiß, ich hab ja noch, jahrelang, ich hab noch hier – –, äh,
die Läuse haben mich so gefressen, das war Fleisch ausgefressen. – Es war ein kleines Fens-
terchen in diesem Waggon. Mit Draht. Und meine Freundin hatte eine BĂĽchse. Und wenn es
geregnet hat, hat sie rausgestellt und mir Wasser zu trinken gegeben. – Zwei Wochen lang war
ich ohnmächtig. – – Wir sind angekommen, ich wusste nicht, wo, jedenfalls ich konnte nicht
gehen, ich konnte nicht aufstehen. Ich saĂź ja nur mehr die ganze Zeit, ich weiĂź nicht, was der
Mensch kann alles aushalten […].»96
Diese Interviewpassage verdeutlicht neben den katastrophalen hygienischen Bedin-
gungen und dem herrschenden Hunger und Durst, wie notwendig Freundschaften
fürs Überleben waren. Dabei war dies angesichts der beschriebenen Zustände in den
dicht gedrängten Waggons keine Selbstverständlichkeit. Immer wieder erzählen In-
terviewpartnerinnen auch, wie selbst gewachsene Bande – etwa zwischen Mutter und
94 Vgl. z. B. AMM, MSDP, OH/ZP1/585, Interview mit Regina Lamstein, Interviewer : Alexander von Plato,
Frankfurt a. M., 18. 2. 2003.
95 AMM, MSDP, OH/ZP1/704, Interview Livni.
96 AMM, MSDP, OH/ZP1/585, Interview Lamstein.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen