Page - 493 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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493Die
Wege von Juden nach Mauthausen |
holten Szenenwechsels möchte ich das Bewusstsein wachhalten, dass es nicht nur eine
Perspektive gibt.
FriedlĂ€nder lehnte Oral History strikt ab und bevorzugte TagebĂŒcher und Quellen,
die wĂ€hrend des Holocaust entstanden sind. Dabei drĂŒckte er eine verbreitete Auf-
fassung aus, die in TagebĂŒchern direkte Zeitspuren sieht ; durch sie könne man etwas
vom «GefĂŒhl» des Vergangenen nachholen.5 Oral-History-Interviews â das menschli-
che GedĂ€chtnis insgesamtÂ
â werden von vielen Historikern als problematische Quellen
angesehen, weil sie eine retrospektive Rekonstruktion des Geschehenen aufzeigen und
die Ereignisse nach heutigen Interessen und Perspektiven strukturieren und umdeu-
ten.6 Der folgende Beitrag interessiert sich aber genau fĂŒr die subjektive Strukturie rung,
Deutung und Umdeutung persönlicher Erfahrung und ihre narrative Bearbeitung in
verschiedenen Situationen, zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten. Den
angefĂŒhrten Zitaten ist die Funktion zugedacht, Wege nach Mauthausen bildlich zu
veranschaulichen, um damit zur wachsenden wissenschaftlichen Integration von Geo-
grafie in die Erforschung der Lager beizutragen und auf Aspekte des «mobilen Holo-
caust» hinzuweisen.7
Was stand am Anfang des Wegs eines Menschen nach Mauthausen oder in andere
Lager ? Das war wohl in vielen FĂ€llen der Verlust des Zuhauses. FĂŒr Irena Liebman
(geborene Aronowicz) kam der Tag Anfang 1940, einige Monate nach der Besetzung
von ĆĂłdĆș durch die Wehrmacht, als die deutschen Behörden mit der Beschlagnahme
aller als jĂŒdisch gekennzeichneten HĂ€user begannen. Irena, damals sechzehn Jahre alt,
schildert die Delogierung ihrer Familie und deren ZwangsĂŒbersiedlung in das Ghetto
von ĆĂłdĆș :
«Eines Tages, es war ein Schabbat, und wir wussten ja, dass sie [âŠ] die Juden aus ihren Woh-
nungen warfen. Also versuchten wir alles zu tun, damit die Wohnung möglichst hÀsslich
aussah. [âŠ] Aber es nĂŒtzte nichts. Am Schabbat hörten wir ein Poltern an der TĂŒr. Als wĂŒrde
jemand mit den FĂŒĂen dagegen treten. Da wussten wir, sie sind da. Und da waren sie, zwei in
Uniform, einer in Zivil, und sagten : «In fĂŒnfzehn Minuten raus aus der Wohnung, jeder kann
eine Tasche und ein zusĂ€tzliches GepĂ€cksstĂŒck mitnehmen.» [âŠ] Ich stopfte [die Tasche] mit
5 Zu dieser Auffassung vgl. Kobi Kabalek : Immediate Memories. Written Experiences of the Nazi Past in
Occupied Germany, 1945â1949, in : Withold Bonner/Arja Rosenholm (Hg.), Re-Calling the Past â (Re)-
constructing the Past. Collective and Individual Memory of World War II in Russia and Germany, Hel-
sinki 2008 (Aleksanteri Series, 2/2008), S. 137â146.
6 Zur Frage der Unterschiede zwischen Oral History und anderen Quellen der historischen Forschung
siehe Paul Thompson : The Voice of the Past. Oral History, Oxford/New York 32000 [1978].
7 Simone Gigliotti : A Mobile Holocaust ? Rethinking Testimony with Cultural Geography, in : Paolo Giac-
caria/Claudio Minca (Hg.), Hitlerâs Geographies. The Spatialities of the Third Reich, Chicago 2016,
S. 329â347 ; Anne Kelly Knowles et al. (Hg.) : Geographies of the Holocaust, Bloomington/Indianapolis
2014.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen