Page - 494 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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494 | Kobi Kabalek
Sachen voll, wie zum Beispiel Vaters Briefmarkenalben. Mein Vater sammelte Briefmarken,
er war ein echter Sammler. Ich packte also die wichtigsten ein, ebenso meine Schulzeugnisse
und sonst noch allerhand. An den Wecker kann ich mich noch erinnern. Meine Mutter nahm
den Topf mit Milch, die gerade aufgekocht war ; was meine Schwester einpackte, weiĂź ich
nicht mehr. Bücher, glaube ich. Zuvor hatten wir etwas Bettzeug und Töpfe aus dem Haus
genommen. Und so weiter. […] Ja, so ging das los bei uns.»8
In dieser einen Episode, die den Beginn der Odyssee von Irena Liebman und ihrer
Familie markiert, kristallisiert sich der Bruch mit dem vormals «normalen Leben».
Vielsagend die von Irena erwähnten Gegenstände – der Milchtopf am Herd als Sym-
bol fĂĽr den ĂĽberhasteten und einschneidenden Aufbruch, der Wecker als Sinnbild
für das Festklammern an der bedrohten Normalität und das Briefmarkenalbum des
Vaters, die Bücher der Schwester als Symbole für die Besonderheit, die Persönlich-
keit eines jeden Familienmitglieds. Irenas genauer Blick fĂĽr derartige Details und
ihre Bedeutung kommt nicht von ungefähr : Als israelische Autorin, die über den
Holocaust schreibt, vor allem fĂĽr Kinder, nimmt sie in ihren Geschichten oft kleine
Dinge her, um anhand von diesen das Leben eines Menschen und die Wendungen,
die dieses nehmen kann, zu illustrieren. Tatsächlich findet sich in einer ihrer ers-
ten Geschichten eine Episode ähnlich der im Interview geschilderten – so ist ihre
Doppel rolle als Geschichtenerzählerin und Zeitzeugin zum integralen Bestandteil
ihres Erzählstils geworden.9
Auf die Übersiedlung ins Ghetto folgten für Irena und ihre Familie Jahre des tägli-
chen Kampfs ums Ăśberleben. Wie der Weg, der Irena Liebman in den letzten Kriegs-
tagen nach Mauthausen fĂĽhrte, sich mit den Wegen jener kreuzte, die sich dort schon
viel früher und unter ganz anderen Umständen einfanden, darum soll es in den folgen-
den Passagen gehen. FĂĽr Irena war Mauthausen der Ort ihrer Befreiung, der am Ende
einer langen Leidensperiode stand – nicht so für die Unzähligen, die den Lagerkom-
plex lange vor ihr betreten hatten.
8 AMM, MSDP, OH/ZP1/291, Interview mit Irena Liebman geb. Aronowicz, Interviewer : Kobi Kabalek,
Mitzpe Hila, 21. 1. 2003.
9 In den Gesprächen, die ich mit Irena im Anschluss an das Interview ab Januar 2003 führte, erzählte sie
mir, dass keines ihrer BĂĽcher rein autobiografisch sei, dass sie aber ihre eigenen Erfahrungen in die Be-
schreibung fiktiver Gestalten einflieĂźen lasse. Ein gutes Beispiel dafĂĽr findet sich in der Kurzgeschichte
«Hava’le die Naturforscherin», in deren Eingangsszene eine Familie, die vor dem Umzug ins Ghetto steht,
persönliche Gegenstände in Taschen stopft. Die Protagonistin, ein junges Mädchen und leidenschaftliche
Sammlerin von Blumen- und Tierbildern, packt statt «praktischeren» Dingen wie Bettzeug oder Wech-
selkleidung lieber ihre Alben ein. Mit Blick auf Handlung und Logik der Szene fĂĽhlt man sich stark an
Irenas Erzählung vom Briefmarkenalbum des Vaters erinnert. Siehe Irena Liebman : Tsutsik – der kleine
Partisan, Kiryat Gat 2001 [1971], S. 7 [hebräisch].
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen