Page - 501 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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501Die
Wege von Juden nach Mauthausen |
selbst als jemandem, der auf seine Situation kaum Einfluss nehmen konnte, zeigt Ma-
estros Bericht einen Kämpfer, der sein eigenes Schicksal und das seiner Mithäftlinge
aktiv mitgestaltete. Nach zwei Jahren, als die noch lebenden griechischen Juden aus
Auschwitz in ein anderes Lager verlegt wurden, war es jedoch auch mit Maestros guter
Position im Lager vorbei. Die nächsten Stationen auf seinem Weg – eine Reihe von
Lagern innerhalb des Mauthausen-Komplexes – sollten für ihn Orte des Leidens und
der Bedrängnis werden.
Nicht alle, die als Juden nach Auschwitz deportiert wurden, blieben so lange wie Adler
und Maestro. Irena Liebman und ihre Schwester wurden bereits 24Â
Stunden nach ihrer
Ankunft in Birkenau in ein KZ-AuĂźenlager im Deutschen Reich ĂĽberstellt. Wie es dazu
kam, schilderte Irena wie folgt :
«Ich hatte erfahren, dass um 250 junge Frauen angesucht wurde, die in einer neuen Fabrik für
Flugzeugteile arbeiten können, die gerade in Freiberg errichtet worden war […]. Sie regis-
trierten uns gar nicht, sie gaben uns nur ein StĂĽck Brot mit was [extra] drauf und schickten
uns nach Deutschland.»33
Während ihres kurzen Aufenthalts in Auschwitz wurde Irena auch neu eingekleidet,
aus den Beständen eines früheren Transports. «Ich bekam ein Kleid von jemandem aus
Budapest.» Diese Episode erwähnt auch eine andere Gesprächspartnerin. Diese räumte
ihr allerdings mehr Bedeutung ein : Zipora Nir (ehemals Löwinger), für die Auschwitz
im Oktober 1944 ebenfalls eine Zwischenstation auf dem Weg nach Freiberg war :34
«Nach ungefähr drei Wochen [im Lager] gab es eine sehr schwere Selektion. Diejenigen, die
ĂĽbrig geblieben waren/ wir waren ĂĽbrig geblieben/, wir wurden in [eine groĂźe] Halle gebracht ;
dort schmissen sie uns Kleider hin, Zivilkleidung, bis dahin trugen wir ja diese Lumpen von
Auschwitz. Und sie gaben uns Kleider, die sie wahrscheinlich in diesen Koffern gefunden
hatten, ziemlich lächerliche Kleider. Weil ich mich erinnere, dass wir sogar lachten. […] Ich
bekam ein braunes Kleid mit Goldbesatz und einen Mantel (lacht) ohne Knöpfe, dann noch
zwei Schuhe mit unterschiedlich hohen Absätzen. […] Und wir lachten, weil wir irgendwie
fühlten, dass wir Auschwitz verlassen. […] und schlimmer konnte es nicht werden.»35
33 AMM, MSDP, OH/ZP1/291, Interview Liebman.
34 Irena Liebman erreichte Freiberg vermutlich am 31. August 1944 mit dem ersten Frauentransport, Zipora
Nir am 12. Oktober 1944 mit dem letzten und größten Transport aus Auschwitz, der 500 jüdische Frauen aus
der Tschechoslowakei, aus Deutschland, Holland, Ungarn, Serbien, der UdSSR und sogar den USA umfasste.
Zu diesem AuĂźenlager von FlossenbĂĽrg siehe Ulrich Fritz : Freiberg, in : Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.),
Der Ort des Terrors. Bd. 4 : Flossenbürg – Mauthausen – Ravensbrück, München 2006, S. 113–116.
35 AMM, MSDP, OH/ZP1/709, Interview mit Zipora Nir, Interviewerin : Keren Harazi, Kibbutz Shomrat-
Hazorea, 11. 1. 2003.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen