Page - 506 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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506 | Kobi Kabalek
den Häftlingen völlig ungeeignet war.52 Für Weiss sollte es die letzte Station auf seinem
Weg als Verfolgter des Deutschen Reichs sein.
Zu der Zeit, als Weiss bereits in Gunskirchen war, um dort seine letzten Schreckens-
tage zu durchleben, stand anderen der Weg nach Mauthausen noch bevor. Irena Lieb-
man erinnert sich, wie am 14. April 1945 die SS-Wachmannschaften des Konzentra-
tionslagers Freiberg den Hunderten verbliebenen Zwangsarbeiterinnen befahlen, sich
auf den Abzug vorzubereiten. Die Frauen, darunter Irena und ihre Schwester, wurden
auf einen Zug verladen, der sie durch die Tschechoslowakei an einen Irena unbekann-
ten Ort bringen sollte.
«Wir wussten, etwas geht zu Ende. Aber was würde das Ende für uns bedeuten ? Unterwegs,
in einem Ort, dessen Namen ich vergessen habe, hielten tschechische Bauern den Zug an
und brachten Töpfe mit Essen, man öffnete uns die Waggons. Und wir stiegen kurz aus. […]
Einige Frauen begannen zu laufen. Weg, weg, weg. Auch meine Schwester war ausgestiegen,
um etwas zu essen. Und ich sagte : ‹Laufen wir weg, Zosia ?› Und sie sagte (die Stimme ihrer
Schwester imitierend) : ‹Wohin sollen wir laufen ? Und was machen wir dann ? Es sieht doch
jeder sofort, wer wir sind. Wir sprechen die Sprache nicht. Wir kennen die Gegend nicht.
Fahren wir einfach, wohin sie uns bringen, dort verrecken wir und fertig.› Dann gingen wir
zurück [in den Zug].»53
Am 29. April, sechs Tage vor der Befreiung des Lagers durch die amerikanische Armee,
traf der Zug im Bahnhof der Stadt Mauthausen ein.
«Da waren wir also in dieser Stadt. Wir sahen den Bahnhof, aber alles schien sich eingeschlos-
sen zu haben ; da war niemand außer uns und einigen Leuten, die uns erwarteten. In Fünfer-
reihen gingen wir durch die Straßen […]. Wir marschieren und es ist niemand auf der Straße,
kein Fenster steht offen. […] Mauthausen schläft ! […] Und ich sehe, wie ein paar Mädchen,
die sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten, am Straßenrand liegen bleiben […]. Und
dann sehe ich von Weitem dicke Mauern und Schießanlagen, und ich sage : ‹Wieder haben
sie uns in ein Lager gebracht !›»54
In diesem Beitrag bin ich einigen der Wege nachgegangen, die Menschen, die von den
Nationalsozialisten als Juden verfolgt wurden, nach Mauthausen und in seine Außen-
lager führten. Dabei habe ich versucht, einen eher wenig beachteten Aspekt der Juden-
52 In Sinai Adlers Beschreibung war Gunskirchen auch «überhaupt kein Lager». AMM, MSDP, OH/ZP1/703,
Interview Adler. Siehe auch Florian Freund : Gunskirchen (Wels I), in : Benz/Distel (Hg.), Ort des Terrors,
Bd. 4, S. 368–370.
53 AMM, MSDP, OH/ZP1/291, Interview Liebman.
54 AMM, MSDP, OH/ZP1/291, Interview Liebman.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen