Page - 517 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
Image of the Page - 517 -
Text of the Page - 517 -
517Die
Warschauer Deportierten von 1944 |
gen. Mit dieser Biografie ist trotz des Preises, den seine Familie zu zahlen hatte, fĂĽr den
Erzählenden die Fortsetzung der Familientradition selbstverständlich :
«Ich bemühe mich, meinen Kindern und Enkeln das weiterzugeben, den Glauben an Gott
und Vaterland, fĂĽr das man sich aufopfern muss, und wenn es notwendig ist, auch sein Leben
hingeben, so wurde ich erzogen.»13
Aber das Sterben fĂĽr das Vaterland klingt heute etwas anachronistisch und abstrakt, ich
glaube, auch fĂĽr seine Nachkommen.
Stefan Rzepczak, geboren im Jahr 1928 als Sohn eines Angestellten der staatlichen
Münzprägeanstalt, eines ehemaligen Soldaten der Polnischen Legionen, und Piłsudski-
Anhängers, hat eine ähnliche positive Einstellung zur romantischen patriotischen
Tradition. In seinem Bericht sind zwei Motive dominant : der Vater als starke Autori-
tätsperson und die Liebe zu seiner Heimatstadt Warschau, ein Lokalpatriotismus, der
sicherlich durch das spätere Schicksal der Stadt und des Erzählers vertieft wurde. Stark
ist auch das Motiv der Zugehörigkeit zu den Pfadfindern, die die Wertvorstellungen
der Vorkriegsjugendlichen besonders geprägt haben.
«Ich bin stolz darauf, dass ich aus Warschau komme, denn mein Schicksal ist mit dieser
Stadt sehr stark verbunden. Von meinem Vater bin ich von klein auf im patriotischen
Geiste erzogen worden, meine Eltern gehörten der Pfadfinderbewegung an. Mein Bruder,
denn ich hatte einen Bruder, und ich gehörten zur 90. Pfadfindergruppe der Warschauer
Pfadfinderbewegung in der Schule an der ZagĂłrna-StraĂźe. Die Schule hatte eine lange Tradi-
tion. […] Alle Feierlichkeiten, Paraden, mit meinem Vater gingen wir da immer hin, auf den
Piłsudski-Platz vor dem Krieg, zu allen Kundgebungen, welchen auch immer, wir gingen da
immer mit ihm hin.
Mein Vater war von den ersten Kriegstagen an im Untergrund tätig, zuerst im Verband für
den bewaffneten Kampf [ZwiÄ…zek Walki ZbrojnejÂ
– ZWZ], später in der Heimatarmee [Armia
Krajowa – AK]. Ich war vor dem Aufstand in der Pfadfinderorganisation Graue Reihen …»14
In diesem Fall scheint die Betätigung im Untergrund eine selbstverständliche Kon-
sequenz einer solchen Erziehung und seines Strebens zu sein, nach dem Vorbild des
Vaters zu leben.
13 Ebd.
14 AMM, MSDP, OH/ZP1/083, Interview mit Stefan Rzepczak, Interviewerin : Agnieszka Knyt, Warschau,
27. 6. 2002. Der «Verband für den bewaffneten Kampf» (Związek Walki Zbrojnej) wurde im November
1939 als polnische Untergrundarmee gegründet und 1942 in «Heimatarmee» (Armia Krajowa) umbe-
nannt. «Graue Reihen» (Szare Szeregi) war der Deckname der polnischen Pfadfinderbewegung im Un-
tergrund ; sie wurde Ende September 1939 in Warschau gegrĂĽndet, war der polnischen Exilregierung
unterstellt und am Warschauer Aufstand beteiligt.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
back to the
book Deportiert nach Mauthausen, Volume 2"
Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen