Page - 524 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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524 | Katarzyna Madoń-Mitzner
Patriotismus ist fĂĽr diesen Zeitzeugen ein ziemlich zweideutiger, um nicht zu sagen
peinlicher Begriff, da er mit einer kämpferischen Gesinnung, die den Zeugen Jehovas
fremd ist, einhergeht. An einer anderen Stelle, als er ĂĽber die Besatzungszeit spricht,
antwortet er auf die Frage, ob er daran gedacht habe, in eine Untergrundorganisation
einzutreten, wie folgt :
«Nein. Ich wurde zu Hause pazifistisch, friedfertig erzogen. Alle, die zum Schwert greifen,
kommen durch das Schwert um – gemäß diesem Spruch.»28
Im besetzten Warschau
Wacław Wilk-Wilczyński, dem wir oben schon begegnet sind, war zu Beginn des Krie-
ges mit seiner Mutter dem Vater nachgereist, der zusammen mit anderen hohen Be-
amten nach Osten evakuiert worden war. Nach der Kapitulation Polens kehrte er nach
Warschau zurĂĽck. Seine erste Begegnung mit den Deutschen und die Konfrontation
der Realität mit seinen kindlichen Vorstellungen, die von der Vorkriegspropaganda
geprägt waren, beschreibt er so :
«Wir kamen in Warschau an … verbrannte Häuser, Brandgeruch. Ich sah Gendarmen mit
Blechplaketten auf der Brust. Mir war so schwer ums Herz … Es gibt kein Polen mehr, wer
hätte das gedacht. Ich habe mir vorgestellt, dass wenn der Krieg kommt, ich habe sogar darauf
gewartet, so dumm sind die Kinder, dann ist Polen stark, vereint und bereit. Ich war damals
Wölfling bei den Pfadfindern. Ich dachte, wir gehen nach Berlin, wir schlagen die Deutschen !
Bei ihnen ist alles aus Pappe ! Und plötzlich sehe ich eine so tolle Ausrüstung … Stramme
Jungs wie aus dem Bilderbuch. Diese tolle Ausrüstung, die Autos … Denn zu Fuß gingen
sie nicht, überall hin wurden sie mit Lastautos gebracht. Und ihre Schuhe … Nicht so wie
unsere Soldaten mit Fußlappen, schwerfällig beim Gehen. Die Deutschen hatten elegante,
ordentliche Lederschuhe, Lederzubehör, herrliche Tornister. Himmel, wie wunderbar waren
die Deutschen ! Aber ich war auch wĂĽtend, dass sie so zu uns gekommen sind und uns so
demütigen.»29
Im besetzten Warschau begann ein Leben unter schwierigen Bedingungen, unter ganz
anderen als jene, an die Wilk-Wilczyński in seinem wohlhabenden Elternhaus ge-
wöhnt war.
«Mein Vater war natürlich arbeitslos. Es war schwer. Meine Mutter begann Handel zu treiben.
Sie machte zusammen mit einer zweiten Frau Pasteten und verkaufte sie dann in Kaffeehäu-
28 Ebd.
29 AMM, MSDP, OH/ZP1/390, Interview Wilk-Wilczyński.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen