Page - 527 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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527Die
Warschauer Deportierten von 1944 |
Und auf diese Weise, durch einen Zufall, legte Wacław Wilk-Wilczyński im Februar
1943 seinen Eid ab und erhielt den Decknamen Mały (Kleiner). Die Zugehörigkeit
zu einer konkreten Untergrundorganisation, die danach häufig bittere Konsequenzen
nach sich zog, war nicht selten zufallsbedingt : Man hatte gerade jemanden kennenge-
lernt, ein Familienmitglied hatte etwas damit zu tun, ein Freund hat einen eingefĂĽhrt.
Dieses Leitmotiv kommt in den Erzählungen über die Besatzungszeit sehr häufig vor.
Denn die Erzähler waren damals ja sehr jung, in der Regel noch minderjährig, poli-
tisch wenig bewandert.
Darüber spricht auch Waldemar Pański, geboren 1927, ein Kind aus dem Arbeiter-
bezirk Wola. Er ist ein Ausnahmefall in dieser Gruppe : Sohn eines ehemaligen Pił-
sudski- Legionärs und Militärbeamten, der nach der Trennung seiner Eltern bei seiner
Großmutter lebte, in ganz bescheidenen Verhältnissen, in einem Zinshaus ohne Elek-
trizität und Kanalanschluss. Eigentlich war er sich selbst überlassen, er war sozusagen
ein StraĂźenkind.
«Während der Besatzung habe ich nicht einer Organisation angehört, aber ich hatte einen
Freund, der dazugehörte. Er war, glaube ich, im Bataillon Baszta [der Heimatarmee, KMM].
Er ging in die Schule im Bezirk MokotĂłw, dort hatte er Kontakte mit der Organisation. Seine
Freunde besuchten ihn, aber keiner fragte den anderen aus, das wäre gefährlich gewesen. […]
Er sagte immer zu mir : ‹Wenn etwas los ist, dann nehme ich dich mit, du brauchst keine
Organisation.› Einmal war ich bei einem Freund, ich glaube zum sechzehnten Geburtstag, da
gab es welche, die wollten uns für eine Organisation anwerben. Ich sagte : ‹Tadek, wir machen
nicht mit, denn Marian hat gesagt, dass wir auch im Untergrund sein werden, wenn es not-
wendig ist.› Um sich nicht zu binden, weil man wusste ja nicht, mit wem man es zu tun hatte.
Aber wir wussten damals nicht viel ĂĽber Politik. Wir wussten nur, dass man die Deutschen
bekämpfen muss, aber die Politik interessierte uns nicht, die Linke, die Rechte, was war besser,
was war schlechter. Da wussten wir nicht Bescheid.»33
Wacław Wilk-Wilczyński spricht über seine Tätigkeit im Untergrund wie immer dis-
tanziert, ohne anzugeben. Viel konnte er nicht bewirken – er war Meldegänger, trug
Untergrundzeitungen aus, er wollte «in den Wald», zu den Partisanen :
«Ich bat, mitgehen zu dürfen, aber nein : zu jung, zu schmächtig. Die Ärzte […] haben mich
untersucht und festgestellt, dass ich fĂĽr das Partisanenleben nicht tauge. Also ging ich nicht
zu den Kämpfern, ich blieb hier. Bis wir aufflogen, denn es war zu auffällig. Unsere Nachbarn
nach 1939 die Widerstandsbewegung Nationale Konföderation (Konfederacja Narodu) entstand, die sich
1943 der Heimatarmee unterstellte.
33 AMM, MSDP, OH/ZP1/783, Interview mit Waldemar Pański, Interviewer : Tomasz Gleb, Warschau, 27. 3. /
1. 4. 2003.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen