Page - 531 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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531Die
Warschauer Deportierten von 1944 |
«Dort waren die Leichen von Aufständischen zusammengetragen, vor allem derjenigen,
die von der Skolimowska- und Belwederska-Straße angegriffen hatten. Ich weiß noch, dass
sie Armbinden der Aufständischen hatten, angesengte Kennkarten. Wir legten die Leichen
auf einen Haufen, mit alten Möbeln dazwischen, schütteten ein stinkendes Benzin darauf,
das stark rußte, und zündeten das Ganze an. Es gab auch Leichen in den Kellern. Ich weiß
nicht, ob das Aufständische waren oder die vom Gestapohauptquartier in der Szucha-Allee.
Ich weiß es nicht. Wir schleppten auch schwere Kisten mit Granaten, mit Munition zu den
Lastautos.»39
Viele unserer Interviewpartner kamen während des Aufstands zum ersten Mal mit dem
Tod, mit den Leichen der Opfer, mit den Kriegsgräueln in Berührung. Auch wenn sie
darüber nach so vielen Jahren berichten, klingen noch viele Emotionen an. Das war
für sie ein starkes Erlebnis, manchmal ein Schock, obwohl sie damals bereits fast fünf
Jahre deutsche Besatzung hinter sich hatten. Aber schon bald wird der Anblick von
Leichen keinen Eindruck mehr auf sie machen, wird zu etwas Alltäglichem, zum stän-
digen Begleiter auch des späteren Lagerlebens, dem sie sich anpassen werden müssen.
Anders stellte sich die Situation für die Bewohner des Bezirks Praga am östlichen
Weichselufer dar, wo die Deutschen zunächst stark waren und sowjetische Truppen
nicht mehr weit entfernt waren. Wir haben einige Berichte darüber, so jenen von Ja-
nusz Bąkowski, der zu jener Zeit bereits verheiratet war :
«Die Deutschen gruben sich ein und die Sowjets blieben stehen, da gab es zwischen den
Vororten Międzylesie und Anin ein sehr großes unbebautes Gelände. Und man konnte sogar
schon die russische Front hören, man hörte Ziehharmonikas. Man sah, wie in der Nacht, wie
sie schossen, na und ich sah auch, wie sie die Bahngleise in Wawer abrissen. Das war so eine
Art Niemandsland. Ich erinnere mich, dass einer angelaufen kam und sagte : ‹Hört zu, man
kann auf die russische Seite gehen, über die Frontlinie.› Und wenn meine Frau nicht im neun-
ten Monat schwanger gewesen wäre, hätte ich mich entschlossen und wäre hinübergegangen.
Das Risiko war groß, aber angeblich wäre das damals gegangen, in der Zeit, als der Aufstand
schon fast zu Ende ging. Und ich habe mich dann doch nicht entschlossen und später holten
die Deutschen alle Männer aus Anin und aus Praga.»40
Der Aufstand wurde in diesem Stadtteil nahezu sofort niedergeschlagen und die Män-
ner und Jungen wurden im Rahmen einer organisierten Aktion von diesem Stadtteil
weggeholt. Das schildert Michał Fertak (geb. 1927) :
«Ich selbst war bei keiner Untergrundorganisation, ich kann also nicht sagen, was dazu führte,
dass die Kämpfe in Praga so schnell zu Ende gingen. Die deutschen Besatzer brachten alles
39 AMM, MSDP, OH/ZP1/390, Interview Wilk-Wilczyński.
40 AMM, MSDP, OH/ZP1/784, Interview Bąkowski.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen