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546 | Alexander Prenninger
die diese frĂĽhen Evakuierungen umfasst, und somit vier Phasen von Evakuierungs-
transporten unterscheiden, die in den folgenden Kapiteln dargestellt werden.
Evakuierungen an der Ostfront – Dnepropetrowsk 1943
Bereits im Zuge der ersten sowjetischen Gegenoffensive bei Moskau im Dezember 1941
verfolgte die Wehrmacht eine Politik der «verbrannten Erde», vertrieb die Zivilbevölke-
rung aus den geräumten Gebieten und zerstörte die Dörfer. Ab Frühjahr 1942 wurden
Hunderttausende Zivilisten aus frontnahen Gebieten evakuiert und häufig zur Zwangs-
arbeit in das Deutsche Reich oder andere besetzte Gebiete deportiert. Diese zwangs-
weise Umsiedlung wurde nach der Niederlage bei Stalingrad auf die gesamte Ostfront
ausgedehnt. Dieter Pohl geht von mehr als 2,3Â
Millionen Menschen aus, die ab FrĂĽhjahr
1943 auf diese Weise evakuiert wurden. Freiwillig befolgten den Evakuierungsbefehl
meist nur die Angehörigen der deutschen Minderheit sowie einheimische Hilfskräfte
der Wehrmacht. Belegt sind zahlreiche Massaker an Personen, die sich weigerten mit-
zugehen. Vor der Evakuierung systematisch ermordet wurden invalide Kriegsgefangene
und zahlreiche Häftlinge in deutschen Gefängnissen und Lagern.18 In vielen Berichten
von russischen und ukrainischen Mauthausen-Überlebenden finden sich Erzählungen
ĂĽber derartige Vertreibungen. Alexandra Michailowna, die aus einem Dorf im SĂĽden
des Gebiets Nowgorod stammt, berichtet etwa, dass bereits bei der Ankunft der deut-
schen Truppen im August/September 1941 das Dorf niedergebrannt wurde :
«Am zweiten Tag sind wir in ein anderes Dorf getrieben worden, auf der anderen Seite vom
Fluss. Und aus diesem Dorf sind wir direkt/. […] Wer konnte, hat eine Kuh mitgenommen,
wer nicht, nicht – jeder, was er konnte. Unterwegs haben sie uns die Kühe nach und nach
abgenommen. Ja. Die ganzen Kleinen, Alten – na, kurz gesagt, ganze Familien, alle wurden
weggetrieben, in ein… […] Zunächst kamen wir in einen anderen Rajon. Dort haben uns
die Deutschen für sich arbeiten lassen, Schützengräben ausheben. Da war schon Winter.»19
Diese Evakuierungen aus umkämpften Gebieten standen in einem direkten Zusam-
menhang mit der Ausweitung des Zwangsarbeitssystems. Hitler hatte Ende Februar
1943 befohlen, «alle Männer im wehrfähigen Alter als Zwangsarbeiter mitzunehmen,
nach Möglichkeit aber auch die Masse der übrigen Bevölkerung».20 Im Juli 1943 ord-
18 Pohl, Herrschaft der Wehrmacht, S. 322–331. Zahlreiche Dokumente zur Praxis der Evakuierungen an
der Ostfront sind abgedruckt in : Norbert Müller : Deutsche Besatzungsherrschaft in der UdSSR 1941–
1944. Dokumente, Köln 1980 (Kleine Bibliothek Politik, Wissenschaft, Zukunft, 194), v. a. Kapitel VI.
19 AMM, MSDP, OH/ZP1/035, Interview mit Alexandra Iwanowna Michailowna, Interviewerin : Alena
Koslowa, Aschukino, 3. 3. 2002, Übersetzung, Z. 204–217.
20 Pohl, Herrschaft der Wehrmacht, S. 324. Es handelt sich um den «Führerbefehl Nr. 4» vom 28. Februar
1943, abgedruckt in MĂĽller, Deutsche Besatzungsherrschaft, S. 334 f.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen