Page - 547 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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547Evakuierungslager
Mauthausen |
nete er die Evakuierung der gesamten Bevölkerung der Nordukraine und Zentralruss-
lands an : Alle arbeitsfähigen Männer und Frauen sollten gemäß diesem Befehl dem
Reichskommissar fĂĽr den Arbeitseinsatz unterstellt und die Kinder in Auffanglagern
an den Grenzen untergebracht werden, um als zukĂĽnftige Zwangsarbeiter zur VerfĂĽ-
gung zu stehen. Allein von Ende 1942 bis Ende 1943 wurden auch fast 700.000 sowje-
tische Zwangsarbeiter ins Reich deportiert.21
Dieses Schicksal traf auch Anna Egorowa, die aus einem Dorf im SĂĽden des Gebiets
Kaluga stammte. 1943 war sie zu Schanzarbeiten in der Nähe von Brjansk gezwungen.
Von russischen Hilfspolizisten erfuhr sie, dass ihr Dorf niedergebrannt und alle Be-
wohner vertrieben worden waren.22 Sie schloss sich dem durchziehenden Treck an und
wurde mit ihrer Familie ĂĽber Brjansk nach Litauen gebracht :
«Mit dem Pferd waren wir unterwegs, eine Kuh hatten wir dabei, ein Pferd. Der Bruder, der
Vater und ich. Na, Gepäck hatten wir fast/. Also ein bisschen was von/. Roggen oder Weizen
oder MehlÂ
– irgendwas zu essen, aber sonstÂ
… Du kannst sagen, dass wir Hunger hatten. Wir
sind also nach Brjansk gekommen, dort wurden wir/. Na, ein Lager war da, aber wir waren
dort nur kurz, in Brjansk also. Wir wurden bald auf Plattformwagen verladen, nicht in Wag-
gons, sondern auf solche Plattformwagen, wie die, mit denen man Autos transportiert. Und
ab ging’s. Wohin sie uns bringenÂ
– wir wissen selbst nicht, wohin. Die Kühe in einen Waggon,
diese da in einen anderen. Und sie haben uns nach Litauen gebracht. Also, dort sind wir wohl
einen Monat geblieben oder länger.»23
Aus dem Durchgangslager in Litauen wurde sie nach Lettland gebracht, von wo sie
schließlich zur Zwangsarbeit nach Österreich deportiert wurde.24 Häftlinge aus Lagern
und Gefängnissen in den geräumten Gebieten wurden dagegen häufig in Konzentrati-
onslager eingewiesen ; im Lauf des Jahres 1944 avancierte das KZ GroĂź-Rosen zu einer
«Drehscheibe» für solche Evakuierungstransporte aus dem Generalgouvernement.25
Diese Evakuierungen ebenso wie die Gefängnisse und Lager in den besetzten Gebieten
21 Himmlers Evakuierungsbefehl fĂĽr die Nordukraine und Zentralrussland vom 10. Juli 1943 in : Office of
Military Gov. for Germany (US)/Office of the Director of Intelligence : HFFH (Himmler’s Files From Hal-
lein), Stanford University, Hoover Institution, James B. Donovan Papers ; Ulrich Herbert : Fremdarbeiter.
Politik und Praxis des «Ausländer-Einsatzes» in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin/Bonn
21986 [1985], S. 256.
22 Die Evakuierung erfolgte wahrscheinlich im August 1943. Vgl. Karl-Heinz Frieser : Der RĂĽckzug der
Heeresgruppe Mitte nach WeiĂźrussland bis FrĂĽhjahr 1944, in : ders. (Hg.), Das Deutsche Reich und der
Zweite Weltkrieg. Bd. 8 : Die Ostfront 1943/44. Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten, MĂĽnchen
2007, S. 297–338, hier 299.
23 AMM, MSDP, OH/ZP1/612, Interview mit Anna Iwanowna Egorowa, Interviewer : Kirill Wasilenko,
Lapschinka (Kaluga), 26. 10. 2002, Übersetzung, Z. 94–103.
24 Zur Rolle Litauens als Evakuierungsziel fĂĽr zwangsevakuierte sowjetische Zivilisten siehe Christoph
Dieckmann : Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944, Göttingen 2011, S. 1381–1391.
25 Isabell Sprenger : Das KZ Groß-Rosen in der letzten Kriegsphase, in : Ulrich Herbert et al. (Hg.), Die
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen