Page - 555 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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555Evakuierungslager
Mauthausen |
Limousin zu mehreren großen Massakern an der Zivilbevölkerung durch SS-Truppen,
darunter auch jenes von Oradour-sur-Glane. Anfang August umstellte die Gestapo das
Dorf, in dem Eugène Goerens untergekommen war. Er wurde zusammen mit einem
weiteren Mitglied seiner Widerstandsgruppe verhaftet und zum Verhör in das Gefäng-
nis von Clermont-Ferrand gebracht. Kurz vor der Befreiung der Stadt am 27. August
1944 wurden die Gefängnisinsassen evakuiert und in das Konzentrationslager Natz-
weiler gebracht.51
Die Lagerleitung befürchtete vor allem einen Angriff der Résistance auf das Stamm-
lager, in dem sich zahlreiche Widerstandskämpfer, darunter hochrangige Persönlich-
keiten, befanden. Der Evakuierungsbefehl wurde am 1. September 1944 ausgegeben.
Noch in den ersten zwei Tagen der Evakuierung wurden viele verhaftete Widerstands-
kämpfer aus dem nahegelegenen Sicherungslager Vorbruck-Schirmeck nach Natzweiler
gebracht und dort ermordet. Die ausführlichen Anweisungen des Lagerkommandan-
ten Fritz Hartjenstein für die Evakuierung sind eine der wenigen schriftlichen Belege
für Planung und Durchführung von Lagerevakuierungen in dieser Phase.52 Zielort
der Evakuierung war das KZ Dachau. Zwischen dem 2. und 4. September wurden über
5500 Häftlinge in drei Zügen, die die Reichsbahndirektion Karlsruhe zur Verfügung
stellte, nach Dachau transportiert. 13 Häftlinge starben auf diesen Transporten, die
jeweils zwei Tage unterwegs waren. Die westrheinischen Außenlager wurden ebenfalls
Ende August, Anfang September geräumt und zum Teil über das Stammlager, zum
Teil direkt in andere Konzentrationslager bzw. ostrheinische Außenlager evakuiert. Die
Evakuierung der Lager östlich des Rheins begann dagegen erst im März 1945.
Wie bei den baltischen Lagern kamen viele Evakuierte über weitere Zwischenstatio-
nen auch nach Mauthausen. So wurde etwa der Elsässer René Baumann von Natzweiler
nach Dachau evakuiert, von dort aber bereits am 15. September 1944 nach Mauthausen
überführt. Wie der Luxemburger Goerens hatte sich auch der Elsässer Baumann der
Einberufung in die Wehrmacht entzogen, war nach Frankreich geflüchtet und hatte
sich dort dem Widerstand angeschlossen. Im November 1943 verhaftet, kam er über
die Gefängnisse Gap und Marseille nach Compiègne und wurde im April 1944 nach
Mauthausen deportiert, allerdings schon im Juni in das KZ Natzweiler überstellt, von
wo er im Zuge der Evakuierung über Dachau zurück nach Mauthausen kam.53
51 Vgl. Patrick Frieden : Die drei beschützenden Mütter, in : Gerhard Botz (Hg.), Schweigen und Reden einer
Generation. Erinnerungsgespräche mit Opfern, Tätern und Mitläufern des Nationalsozialismus, Wien
2005, S. 53–65. Vgl. AMM, MSDP, OH/ZP1/548, Interview mit Eugène Goerens, Interviewer : Frank
Aarts, Luxemburg, 16. 2. 2003. Das Interview ist bisher nicht transkribiert.
52 BArch Ludwigsburg, B 162/20.274, vollständig abgedruckt in : Robert Steegmann, Struthof. Le KL-Natz-
weiler et ses kommandos. Une nébuleuse concentrationnaire des deux côtés du Rhin 1941–1945, Stras-
bourg 2005, S. 159 f.
53 Florent Mathern : 38 mois et une survie, URL : https://web.archive.org/web/20160702005222/http://www.
planetportraits.fr/14-memoire/articles_10_38-mois-et-une-survie (21. 10. 2020).
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen