Page - 561 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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561Evakuierungslager
Mauthausen |
rend der Kämpfe waren Tausende Menschen als Geiseln nach Pruszków verschleppt
oder aus der Stadt flüchtende Menschen dorthin gebracht und nach Auschwitz und
in andere Lager deportiert worden. Die Gesamtevakuierung der Stadt war schließlich
Teil des Kapitulationsabkommens zwischen den Aufständischen und den Deutschen.
Zehntausende verließen die Stadt im September und ca. 210.000 nach dem Ende des
Aufstandes Anfang Oktober 1944.66 Insgesamt wurden etwa 650.000 Menschen aus
Warschau über Pruszków geschleust und ca. 60.000 in verschiedene Konzentrations-
lager deportiert.67 Die nach Mauthausen Deportierten wurden zum Großteil bereits
während der ersten Tage des Aufstandes nach Pruszków gebracht. Es handelte sich fast
ausschließlich um Zivilisten oder Personen, die Hilfsdienste für die Aufständischen,
etwa bei der Feldpost, der Feuerwehr oder im Luftschutzdienst, verrichtet hatten.
Die Berichte der männlichen Deportierten aus Warschau sind erstaunlich kurz.
Sie erzählen ausführlich über den Aufstand, die Verhaftung und auch noch über den
Transport von Warschau in das Sammellager sowie den wenige Tage dauernden Auf-
enthalt in Pruszków. Die Fahrt nach Mauthausen wird dagegen nur in knappen Worten
geschildert : «[E]s ging über dieses Pruszków», «man verlud uns in Waggons», «dann
kamen wir in Mauthausen an».68
Unter welchen Bedingungen diese Transporte stattfanden, erzählen zwei weibliche
Überlebende wesentlich ausführlicher. Alina Krajewska schildert, dass jeder einen Laib
Brot und eine Flasche Wasser bekam, mit denen sie drei Tage auskommen mussten.
Auf einem Bahnhof wurden allerdings Wasserflaschen in den Zug geworfen. Krajewska
schätzt, dass sich etwa 30 Personen in ihrem Waggon befanden und es schwierig war
zu schlafen.69 Auch Irena Norwa berichtet Ähnliches :
«In Pruszków waren wir, glaube ich, kurz, nur ein paar Tage. Na, ich weiß nicht mehr, viel-
leicht drei bis vier Tage. Dann wurden wir in Waggons verladen. In Waggons. Wir bekamen je
einen Laib Brot. Und wir wurden in die Waggons, solche Güterwaggons verladen. Sie wurden
verriegelt. In diesen Waggons war es sehr eng und gedrängt. Sehr eng und gedrängt. Meine
Mutter und ich platzierten uns bei einem kleinen Fenster […]. Und ich kann mich erinnern,
dass ich in Częstochowa – denn ich habe dieses Tschenstochau gesehen, nicht wahr, da war
diese Aufschrift – bekommen habe – übrigens nicht nur für mich – eine Ein-Liter-Flasche
66 Vgl. Włodzimierz Borodziej : Der Warschauer Aufstand 1944, Frankfurt a. M. 2004, S. 188–204. Zu den
«Warschauer Transporten» siehe im Detail den Beitrag von Katarzyna Madoń-Mitzner in diesem Band.
67 Vgl. die Angaben des Museums Dulag 121, URL : http://dulag121.pl/encyclopedia/?lang=en (30. 9. 2020).
68 AMM, MSDP, OH/ZP1/784, Interview mit Janusz Karol Bąkowski, Interviewer : Piotr Filipkowski, War-
schau, 29. 3. 2003, zit. nach Madoń-Mitzner (Hg.), Errettet aus Mauthausen, S. 110 ; AMM, MSDP, OH/
ZP1/786, Interview mit Zbigniew Dłubak, Interviewer : Piotr Filipkowski, Warschau, 5. 4. 2003, zit. nach
Madoń-Mitzner, Errettet aus Mauthausen, S. 109 f.; AMM, MSDP, OH/ZP1/228, Interview mit Wolfgang
Rebhun, Interviewer : Alexander von Plato, Oberhausen, 23. 9. 2002, Transkript, Z. 1322–1327.
69 AMM, MSDP, OH/ZP1/084, Interview mit Alina Krajewska, Interviewerin : Agnieszka Knyt, Warschau,
24. 4. 2002, Übersetzung, Z. 136–157.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen