Page - 569 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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569Evakuierungslager
Mauthausen |
«Diese Waggons waren offen und voller Schnee. Wir haben eine Ecke besetzt, mein Bruder,
ein Freund von mir […] Mosche Jizchak und der PoleÂ
– wir vier. Wir haben eine Ecke besetzt,
haben den Schnee, soweit es ging, geräumt. Auch die anderen, jeder hat seinen Platz geräumt.
Wir haben uns hingesetzt, ich weiß nicht mehr worauf – auf eine Tasche, oder einen Lappen,
oder auf eine Decke. Es war nass, der Boden war nass. Da es/Nacht war, haben wir eine Decke
ausgebreitet wie/wir haben daraus ein Dach gemacht. Wir waren zu viert unter der Decke. Da
ich mich noch in Auschwitz vorbereitet habe, hatte ich einige Kerzen. Wir haben eine Kerze
unter der Decke gezündet, und damit, an der Flamme der Kerze, haben wir uns gewärmt. Von
der Wärme ? Das war – – – vom Anschauen ? Es war – ich weiß es nicht.»86
Ann Weisbord, die in einen Evakuierungstransport nach Bergen-Belsen kamÂ
– von wo
sie in das FlossenbĂĽrger AuĂźenlager Venusberg ĂĽberstellt und im April nach Mauthau-
sen evakuiert wurde –, berichtet dagegen, dass der Transport mit Lastwägen erfolgte :
«Von Auschwitz nach Bergen-Belsen schneite es und wir saßen auf dem offenen Verdeck der
Lastwägen und drängten uns aneinander, weil es so kalt war. Wir waren vielleicht 200Â
Frauen
auf einem Lastwagen. Sie behandelten uns also gut, weil gewöhnlich gingen die Menschen zu
Fuß und erfroren unterwegs. Wir fuhren auf Lastwägen, aber damals war mir nicht klar, was
passierte. Ich wusste es einfach nicht.»87
Auf dem viertägigen Evakuierungsmarsch vom Groß-Rosener Außenlager Fünfteichen
zum Stammlager gab es eine extrem hohe Todesrate : von den ca. 6000 Häftlingen sol-
len über eintausend gestorben oder ermordet worden sein.88 Włodzimierz Kaliński
ĂĽberlebte den FuĂźmarsch und wurde einem Transport nach Mauthausen eingereiht :
«In jeden Waggon stopften sie 150 Menschen hinein, wie die Heringe, einen auf den anderen.
Sie gaben uns kein Essen oder sonst etwas. Wir fuhren unter freiem Himmel. Die Menschen
wurden verrückt vor Hunger. Sie schrien : ‹Schlagt mich ! Erschlagt mich !› Die Deutschen fin-
gen in der Nacht an, auf die in den Waggons eingepferchten Menschen zu schieĂźen, es gab
viel Blut und Leichen. Später hielten wir an irgendeiner Station an, da gab es nichts, nur eine
menschenleere Rampe. Sie befahlen uns, auszusteigen und die Leichen auf die Erde zu wer-
fen. Wir arbeiteten einen Tag und eine Nacht, denn diese Leichen mussten später in andere
Waggons geladen werden. Und wir fuhren weiter.»89
86 AMM, MSDP, OH/ZP1/299, Interview Maestro, Z. 1872–1884.
87 AMM, MSDP, OH/ZP1/423, Interview mit Ann Weisbord geb. Hanka Schreck, Interviewerin : Elisabeth
Pozzi-Thanner, Bayside, NY, 6. 11. 2002, Übersetzung, Z. 210–229.
88 Barbara Sawicka : Fünfteichen (Miłoszyce koło Wrocławia), in : Benz/Distel (Hg.), Ort des Terrors, Bd. 6,
S. 295–301 ; Alfred Konieczny : Evakuierung des KL Gross Rosen, Manuskript, Doc. No. 82111388–
82111394, 1.1.11.0, ITS Digital Archive, Arolsen Archives.
89 AMM, MSDP, OH/ZP1/763, Interview mit Włodzimierz Kaliński, Interviewerin : Katarzyna Madoń-
Mitzner, Białystok, 26. 10. 2002, zit. nach Madoń-Mitzner, Errettet aus Mauthausen, S. 125.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen