Page - 570 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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570 | Alexander Prenninger
In den seltensten Fällen wussten die Häftlinge, wohin sie gingen oder fuhren. Die
chaotischen Zustände der allgemeinen Evakuierung in Schlesien, die Zerstörungen
der Bahngleise durch Luftangriffe und die Weigerung mancher Lagerkommandanten,
Transporte anzunehmen, fĂĽhrten dazu, dass ZĂĽge oft stunden- oder tagelang irgendwo
standen oder die Richtung änderten und die Orientierungslosigkeit der Häftlinge
wuchs.
«Sie brachten uns wieder in Waggons und wir fingen an überall herumzufahren, dass ich nicht
einmal weiĂź, wohin. Wir kamen auch nach Mauthausen, dort holten sie uns aus den Waggons
und wir gingen den Berg hinauf. Ich weiĂź nicht, ob sie uns dort unterbringen wollten oder
was sie wollten, aber es scheint, dass sie am zweiten Tag oder am dritten Tag, daran erinnere
ich mich nicht mehr genau, sahen, dass das Ende kommt, und dann brachten sie uns wieder
in Waggons und wir reisten, ich weiß nicht wie lange und wohin auch nicht. Es gab nämlich
Momente, als sie die Gleise bombardierten. Dann blieb der Zug stehen und dann fuhr der
Zug zu zurĂĽck und ich weiĂź auch nicht. Dann, nachdem wir, ich weiĂź nicht wie lange, her-
umgewandert waren, kamen wir nach Bergen-Belsen.»90
Sowohl während der Fußmärsche wie auch auf den Bahntransporten versuchten viele
Häftlinge zu flüchten, wie nicht nur Berichte von Überlebenden, sondern auch zeit-
genössische Quellen belegen. So waren etwa im Gefängnis von Freistadt 26 Häftlinge
eingesperrt, die am 25. Jänner auf der Strecke Budweis–Mauthausen geflohen waren.91
Karl Brozik wollte ebenfalls flüchten ; aufgrund seines Erscheinungsbildes als KZ-Häft-
ling wurde ihm jedoch abgeraten :
«Dem Kapo, der mir da [in Auschwitz] geholfen hat mit dem Umtausch der äh hundert Dol-
lar auf Zigaretten, Margarine und Brot, dem ist es gelungen dort äh Zug zu springen und
auszureißen. Ich hab’s auch getan, bin aber ein … äh, aufgefordert worden von einer barm-
herzigen Schwester, die mich gesehen hat, ich soll doch zurĂĽckkehren, da der ganze Bahnhof
sei umstellt von Hunden und SS-Leuten und dass … ich hatte keine Chance rauszukommen.
Der Unterschied zwischen mir und dem Kapo war darin, dass ich eine Glatze hatte, eine
kurzgesch… äh, […] kein Ko… äh, Kopf und Sträfling[s]kleidung und er als Kapos die Ge-
legenheit gehabt hat, sich normale Zivilkleidung zu beschaffen, sodass er den Bahnhof ver-
lassen hat, mit Haaren und mit Zivilkleidung, deshalb konnte es ihm gelingen. Mir wäre es
wahrscheinlich nicht gelungen. [Pause] Ich bin also zurĂĽck in diesen Kohlenwagen und dann,
äh, ging es … das war in Mährisch-Ostrau.»92
90 AMM, MSDP, OH/ZP1/751, Interview Frank de Klein, Z. 1143–1175.
91 AMM, E/13/09/04/01, Liste der mit Datum 26. Jänner 1945 im Haftbuch Freistadt verzeichneten Häft-
linge, o. D. (Stadtarchiv Freistadt).
92 AMM, MSDP, OH/ZP1/232, Interview mit Karl Brozik, Interviewer : Alexander von Plato, Frankfurt
a. M., 4. 1. 2003, Transkript, Z. 341–351.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen