Page - 573 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
Image of the Page - 573 -
Text of the Page - 573 -
573Evakuierungslager
Mauthausen |
tergeleitet. Von dem Transport, der am 3. März 1945 Ebensee erreichte, wurden 2048
Häftlinge registriert ; ca. 650 Häftlinge sollen jedoch vor der Registrierung auf dem
Transport, in Mauthausen und in Ebensee gestorben sein. DrahomĂr Bartá beschrieb
in seinem Tagebuch die Umstände der Ankunft :
«Die Häftlinge des Transports aus Wolfsberg, die vor Erschöpfung nicht mehr gehen konnten
und den Weg vom Bahnhof zum Lager nicht mehr bewältigen konnten, wurden auf die Prit-
schenwagen zu den Toten aufgeladen. Körper neben Körper, sodass oft Lebende unter Toten
begraben waren. Vor dem Revier wurden sie dann wie Kartoffelsäcke auf den Boden gewor-
fen. Ich höre bis heute die dumpfen Geräusche der auf den Boden aufschlagenden Köpfe.
Alle Toten wurden dann nebeneinander auf dem Boden vor dem Krematorium aufgereiht. Es
waren lange Reihen und sie lagen dort fast zwei Tage. Ihre Identität wurde festgestellt, und
dann verbrannte man sie. Das Schicksal der Transporte, die in der ersten Hälfte des Jahres
1945 kamen, hauptsächlich von März an, waren [sic !] ähnlich. »100
Die Evakuierungstransporte aus Auschwitz und Groß-Rosen von Jänner bis März 1945
unterscheiden sich in vielem von jenen des Jahres 1944. Vor allem sind es die hohen
Todesraten – in manchen Marschkolonnen bzw. Bahntransporten bis zu 30 Prozent –,
die diese Transporte kennzeichnen : Einerseits waren die Bedingungen, unter denen
die Evakuierungen durchgefĂĽhrt wurden, vom allgemeinen Chaos im Winter 1944/45
geprägt, das vom Zusammenbruch der Front und von den zurückdrängenden Ein-
heiten von Wehrmacht und Waffen-SS sowie der flüchtenden Zivilbevölkerung aus-
gelöst wurde. Außerdem wurden die Häftlinge häufig mit Fußmärschen evakuiert, die
mehrere Tage, aber auch mehrere Wochen dauern konnten. Die Angst vor dem durch
jahrelange Propaganda geschürten Bild des sowjetischen «Untermenschen» und das
Wissen ĂĽber die deutschen Verbrechen im Osten fĂĽhrte dazu, dass auch die Begleit-
mannschaften der Evakuierungstransporte eine «mörderische Flucht» nach Westen
antraten.101 Zurückbleibende Häftlinge verhinderten ein rasches Vorankommen und
wurden deshalb ermordet.
Neben den anderen groĂźen Stammlagern auf Reichsgebiet wurde Mauthausen zu ei-
nem wichtigen Aufnahmelager für die evakuierten Häftlinge. Allein im Jänner/Februar
1945 wurden fast 20.000 männliche Häftlinge registriert. Mindestens 3000 Frauen aus
GroĂź-Rosen, unter ihnen viele Auschwitz-Evakuierte, waren ebenfalls nach Mauthau-
sen gebracht, aber kurze Zeit später nach Bergen-Belsen weitertransportiert worden.
Die Lebensumstände in Mauthausen verschlechterten sich in dieser Zeit durch den
100 DrahomĂr Bárta hielt auch fest, dass am Bahnhof Mauthausen 115Â
Tote ausgeladen wurden, 49Â
Häftlinge
auf dem Weg nach Ebensee und 182 in Ebensee starben. DrahomĂr Bárta : Tagebuch aus dem KZ Eben-
see, hg. von Florian Freund und Verena Pawlowsky, Wien 2005, S. 92 (Eintrag vom 18. Feb. 1945). Vgl.
Maršálek, Geschichte, S. 150 ; Florian Freund : Die Toten von Ebensee. Analyse und Dokumentation der
im KZ Ebensee umgekommenen Häftlinge 1943–1945, Wien 2010, S. 428.
101 Blatman, Die Todesmärsche 1944/45, S. 160.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
back to the
book Deportiert nach Mauthausen, Volume 2"
Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen