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584 | Alexander Prenninger
«Langsam, von Mund zu Mund machten sich Nachrichten breit. Ausgerechnet von den deut-
schen Arbeitern, die mit uns in der Fabrik waren. Sie waren wahrscheinlich keine SS-Leute.
Und sind auch nie in der Hitlerjugend gewesen. Aber sie haben einfach geschwiegen. Aber
dennoch, als zum Beispiel eine Frau ohnmächtig wurde und auf die Maschine fiel, kam einer
von ihnen gelaufen und hat sie aufgehoben und hat ihr ein Glas Tee aus seiner Thermosfla-
sche gebracht, gibt ihr zu trinken und rief aus ‹Was macht man mit euch ? Was macht man mit
euch ?› Sie begannen uns zu erzählen, dass dies schon beinahe das Ende sei, dass dies enden
würde, nur noch ein wenig Kraft.»135
Edna Amit lernte in Freiberg einen deutschen Zivilarbeiter kennen, der ihre kranke
Mutter mit Lebensmitteln versorgte : «Er gab mir da und dort irgendeine Nachricht
und hat mir immer Mut gemacht, dass es gut werden wird, dass die Front schon näher
rückt.»136 Den Hoffnungen auf eine baldige Befreiung stand jedoch die große Angst
gegenĂĽber, kurz vor dem Ende noch ermordet zu werden. Von dieser Dichotomie
der GefĂĽhle berichten die beiden Schwestern Sara Rath und Esther Menschenfreund.
Während eines Aufenthalts auf tschechischem Gebiet kamen Dorfbewohner zum Zug :
EM : « »Sie erzählten uns auch Nachrichten.»
SM : «Ja. Sie sagten uns : ‹Haltet aus, die Russen sind vierzig Kilometer [entfernt] !›Weil wir
nichts wussten. Wir hatten keine Verbindung mit der Welt. Wir hatten nur das gesehen und
uns gefreut, dass sie Dresden bombardieren, und wir sagten : ‹Hoffentlich fällt hier eine
Bombe, sodass wir von einer Bombe sterben und nicht von den Händen von denen.› [mit
tränenerstickter Stimme].»137
Die Ungewissheit angesichts des nahen Endes formulierte Irena Liebman ganz deut-
lich : «Wir wussten schon, dass etwas zu Ende gegangen war, aber wer wusste, was
unser Ende sein würde.»138 Sowohl bei der Abfahrt als auch bei der Ankunft in Maut-
hausen waren sich viele Frauen gewiss, dass es ein Transport in den Tod war. Alica
Palánová berichtet, dass ihr ein deutscher Vorarbeiter dieses Schicksal angedroht hatte :
«Dort ist ein Meister gewesen, der Plagemann geheißen hat, und das ist wirklich ein Plage-
mann gewesen, und ein anderer hat Apfelbaum geheiĂźen. Und als wir weggegangen sind,
als sie uns schon fortgenommen haben, haben die es schon so gut gewusst, was sich tut, als
sie uns fortgenommen haben nach – – – schon zuletzt, dass sie uns ins Gas nehmen, nach
135 AMM, MSDP, OH/ZP1/291, Interview mit Irena Liebman, Interviewer : Kobi Kabalek, Mitzpe Hila,
21. 1. 2003, Übersetzung, Z. 1058–1067.
136 AMM, MSDP, OH/ZP1/296, Interview mit Edna Amit, Interviewerin : Keren Harazi, Mikhmoret,
3. 1. 2003, Übersetzung, Z. 438–440.
137 AMM, MSDP, OH/ZP1/046, Interview mit Sara Rath und Ester Barko, Interviewerin : Sarit Lazerovich,
Kibbutz Parod, 7./9. 5. 2002, Übersetzung, Z. 453–458.
138 AMM, MSDP, OH/ZP1/291, Interview Liebman, Z. 1090 f.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen