Page - 588 - in Deportiert nach Mauthausen, Volume 2
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588 | Alexander Prenninger
1945 begann die letzte Evakuierungsetappe für die Häftlinge der Baubrigade I. Wie
beim «Taifun-Express» führte die Fahrtroute zunächst nach Norden ; dann erhielt der
TransportfĂĽhrer einen Befehl, nachdem Steyr das neue Evakuierungsziel sein sollte.
Fast vier Wochen dauerte die Fahrt vom Aufbruch bis zur Ankunft in Steyr. Auf der
gesamten Fahrt sollen mindestens 20 Häftlinge gestorben und mehr als 160 Häftlinge
bei Bombenangriffen geflĂĽchtet sein.152 Nach Ebensee wurden dagegen die 11. und die
12. SS-Eisenbahnbaubrigade evakuiert. Am 4. Mai wurden im Lagerstandsbuch 206
bzw. 214 Häftlinge registriert. Es waren die letzten Häftlinge, die eines der Mauthause-
ner Lager erreichten.153
Zahlreiche Evakuierungstransporte waren noch immer Richtung Mauthausen un-
terwegs, als das Lager am 5. Mai befreit wurde. Einige Transporte, die wahrscheinlich
Mauthausen als Ziel hatten, wurden in das FlossenbĂĽrger AuĂźenlager Leitmeritz oder
nach Theresienstadt umgeleitet. Andere fuhren durch das Sudetenland weiter, kamen
jedoch nur mehr bis Südböhmen, wo die Häftlinge von tschechischen Partisanen be-
freit wurden. Zu diesen «Phantomzügen»154 gehörte auch ein Evakuierungstransport
mit 2200 bis 3000 Häftlingen aus dem Mittelbau-Lager Artern und dem Buchenwalder
Außenlager Rehmsdorf. Die Häftlinge aus Artern wurden am 5. April auf einen hun-
dert Kilometer langen FuĂźmarsch nach Rehmsdorf getrieben und von dort am 11. oder
12. April zusammen mit den vorwiegend ungarisch-jüdischen Häftlingen aus Rehms-
dorf per Bahn weiter evakuiert. Auf dem Weg starben viele der ungarischen Juden, die
durch die schwere Arbeit in Rehmsdorf extrem geschwächt waren. Bei Fliegerangriffen
wurden zahlreiche Häftlinge getötet oder bei Fluchtversuchen von der Begleitmann-
schaft ermordet. Die Evakuierung musste auf Teilstrecken zu FuĂź weitergefĂĽhrt wer-
den. Am 20. April erreichten die Häftlinge Leitmeritz. Die jüdischen Häftlinge wurden
dort abgesondert und nach Theresienstadt gebracht ; die nichtjĂĽdischen verlieĂźen am
22. April Leitmeritz Richtung Dachau. Das Evakuierungsziel war jedoch aufgrund der
amerikanischen Offensive Richtung SĂĽdbayern nicht mehr erreichbar. Tagelang blieb
der Zug in Lobositz (Lovisice) stehen, als am 28. April der Befehl kam, nach Mauthau-
sen zu fahren. Die Weiterfahrt musste immer wieder unterbrochen werden. Obwohl
Mauthausen bereits befreit war, fuhr der Zug noch am 7. Mai weiter nach SĂĽden und
erreichte am 8. Mai Kaplitz. Dort wurde der Transport von tschechischen Partisanen
angegriffen und die Häftlinge wurden befreit.155
152 Karola Fings : Krieg, Gesellschaft und KZ. Himmlers SS-Baubrigaden, Paderborn 2005 (Sammlung
Schöningh zur Geschichte und Gegenwart), S. 197–228, 238–242, 276 f.; Neander, Das Konzentrations-
lager «Mittelbau», S. 452 f.; Maršálek, Geschichte, S. 150. Für die erste Etappe siehe den Erinnerungs-
bericht von Willy Kreuzberg : Schutzhäftlinge erleben die Invasion. Ein Tatsachenbericht, Weimar o. J.
[1946].
153 Freund, Die Toten von Ebensee, S. 429.
154 Eberhard Kolb : Bergen-Belsen. Geschichte des «Aufenthaltslagers» 1943–1945, Hannover 1962, S. 156.
155 Neander, Das Konzentrationslager «Mittelbau», S. 445–451. Sie dazu auch die TV-Dokumentation «To-
deszug in die Freiheit», Deutschland 2018, Regie : Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler, 45Â
min.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Volume 2
- Title
- Deportiert nach Mauthausen
- Volume
- 2
- Authors
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Editor
- Melanie Dejnega
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Size
- 16.8 x 23.7 cm
- Pages
- 716
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen