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254 6. Anhang
Steiner wäre es im Traum nicht eingefallen, auf derartige Weise einen Auftrag abzuleh-
nen. Korngold nahm diesen Auftrag denn doch an, weil sich im Jahr 1938 die Situation
in Osterreich dramatisch verschlechterte (so wurde beispielsweise von den Nazis die Auf-
führung seiner Oper Die Kathrin verboten) und ihm nichts anderes übrig blieb, als in
Hollywood zu bleiben. Übrigens schafften es sowohl Korngolds als auch Steiners Vater
1938, nach Hollywood auszureisen. Als sich die politische Situation für Korngold nach
1945 wieder geändert hatte, kehrte er der Filmindustrie den Rücken. So schrieb er 1946:
„Nächsten Mai werde ich 50. Ich fühle, das ist ein Wendepunkt. 50 ist sehr alt für ein
Wunderkind. Ich meine, ich habe mich jetzt zu entscheiden, wenn ich nicht bis an mein
Lebensende ein Hollywood-Komponist bleiben möchte."^
Steiner hingegen hatte seine Erfüllung in der Filmmusik gefunden, er war kein Exilant
auf Zeit. Als Opernkomponist schuf Korngold großartige, ausladende Filmpartituren,
die in ihrer klanglichen und orchestralen Fülle mitunter umfangreicher waren als die von
Steiner. Man muss hierbei natürlich in Betracht ziehen, dass Steiner einen völlig ande-
ren Arbeitsrhythmus als Korngold hatte, der insgesamt nur 22 Filme vertonte. Das war
Steiners durchschnittliche Ausbeute von etwa zweieinhalb Jahren. In einem Artikel, der
erstmals 1940 in dem Buch Music and Dance in California erschien, schrieb Korngold,
dass er sich erfolgreich der Vereinnahmung durch eine Filmindustrie widersetzen konnte:
„... I am fully aware of the fact that I seem to be working under rnuch more favourable
conditions than my Hollywood colleagues who quite often have to finish a score in a very
short time and in conjunction with several other composers. So far, I have successfully
resisted the temptations of an all-year contract because, in my opinion, that would force
me into factory-like mass production. I have refüsed to compose music for a picture in
two or three weeks or in an even shorter period. I have limited myself to compositions for
just two major pictures a year."270
Während Steiner seine Musik minutiös plante, ging Korngold sehr intuitiv an die Sache
heran. So schrieb er in demselben Artikel:
269 Zit. in: Julius Korngold: Die Komgolds in Wien. Edition Musik und Theater Verlag AG. Zürich/St.
Gallen, 1991. S. 350.
270 Zit. in: Tony Thomas: Film Score— The View from the Podium. A.S. Barnes & Co. New York, 1979. S.
Der Filmkomponist Max Steiner
1888 - 1971
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Der Filmkomponist Max Steiner
- Subtitle
- 1888 - 1971
- Author
- Peter Wegele
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 302
- Keywords
- Film Music, Biography, Cinema, Musical science, Musicology, History of Music
- Category
- Biographien