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Mobile Culture Studies The Journal
Mobile Culture Studies - The Journal, Volume 1/2015
Page - 168 -
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168 Mobile Culture Studies. The Journal 1 2o15 Philipp Mettauer | Die Überfahrt österreichischer Jüdinnen und Juden nach Südamerika Die Grundlage für vorliegenden Artikel stellt die Quellensammlung eines langjährigen for- schungsprojekts in Argentinien dar. (Mettauer 2010) Einerseits sind dies Oral history Inter- views mit österreichisch-jüdischen Emigrantinnen und Emigranten, wobei in allen lebensge- schichtlichen Erinnerungen die Überfahrt und die Schiffsreise eine zentrale Rolle spielen. für die Interviews standen allerdings nur mehr Personen zur Verfügung, die bei ihrer erzwungenen Emigration Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene waren. Um Einblicke in die Erfah- rungswelt der damals älteren Generation zu erhalten, werde ich daher andererseits aus Briefen zitieren, die während der Passage geschrieben wurden. Neben der Schiffsreise als Übergangs- erfahrung sind des Weiteren die Emigrationsvorbereitungen und fluchtrouten sowie schließ- lich die Ankunft im hafen von Buenos Aires thematische Schwerpunkte meines Beitrags. Die Bestände der Schifffahrtslisten im Archiv der Dirección Nacional de Migraciones ermögli- chen abschließend einen Einblick in die zahlenmäßige Erfassung der österreichisch-jüdischen Einwanderung. Dieser Beitrag stellt die Erzählungen der Menschen in den Mittelpunkt und zeigt, wie sie retrospektiv im Interview einem Abschnitt ihrer flucht, knapp dem Tod entronnen, Bedeutung und Sinn verleihen. Der Artikel orientiert sich an den historischen Quellen und verzichtet weit- gehend auf theoretische Überlegungen. Zur kulturwissenschaftlichen Analyse würde sich vor allem Michel foucaults Konzept der „heterotopie“ anbieten. Die Reise als ambivalente Erfah- rung für Menschen in Extremsituationen, das Schiff als ein temporärer Ort mit beschränktem Zugang, das als eine Art „aufgehobenes Raum-Zeit-Modell“ betrachtet werden kann und zum Nachdenken über herkunft und Zukunft herausfordert. Gewissermaßen ein Ort außerhalb aller Orte, in dem „die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestrit- ten und gewendet sind“, wie zwei Szenen aus Interviewpassagen über den „führergeburtstag“ am 20. April bzw. der „Reichskristallnacht“ am 9. auf den 10. November zeigen. Daran schließt sich die Interpretation des Ozeandampfers als Transitraum an, als „Nicht- Ort“ nach Marc Augés, obwohl an Bord sehr wohl zwischenmenschliche Interaktionen und Relationen stattfanden, die die besondere Identität als jüdischer flüchtling verstärken sollte. Die Zeit der Überfahrt kann des Weiteren nach Arnold Van Genneps „Übergangsriten“ analysiert werden, als Momente des Unbestimmten, in denen soziale Regeln aufgehoben, die gewohn- ten ökonomischen und rechtlichen Beziehungen geändert bzw. außer Kraft gesetzt sind. für Jüdinnen und Juden im „Dritten Reich“ begann dieser Entrechtungsprozess jedoch nicht erst während der Reise, sondern bereits schrittweise seit der „Machtergreifung“ der Nationalsozia- listen. Obwohl auch in diesem Beitrag ein Initiationsritus thematisiert wird, der sich als Ereig- nis vom Alltag abhebt und mit einem Schnappschuss während der sogenannten Äquatortaufe festgehalten wurde, bleibt zu bedenken, dass dieser Übergang in eine weitere Lebensphase von außen erzwungen wurde und die flucht unter größtem Zeitdruck meist ohne Rituale stattfand. Jedenfalls befanden sich Emigrantinnen und Emigranten nach Victor Turner in einem Stadium der Liminalität, nachdem sie von der herrschenden Sozialordnung vertrieben worden waren. Die Phasen der Trennungs-, Schwellen- und Angliederungsphase finden sich auch in vorliegendem Artikel zwischen den Themenblöcken Abschied, Überfahrt und Ankunft. Auch wenn sich die Passagiere im Sinne einer Grenzerfahrung in einem mehrdeutigen Zustand befan- den, in der sie weder die Eigenschaften ihres vorherigen noch welche des zukünftigen Zustan- des inne hatten, waren sie mit dem roten „J-Stempel“ in ihren Reisepässen dennoch eindeutig
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Mobile Culture Studies The Journal, Volume 1/2015
Title
Mobile Culture Studies
Subtitle
The Journal
Volume
1/2015
Editor
Karl Franzens University Graz
Location
Graz
Date
2015
Language
German, English
License
CC BY 4.0
Size
21.0 x 29.7 cm
Pages
216
Categories
Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal
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