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170 Mobile Culture Studies. The Journal 1 2o15
Philipp Mettauer | Die Überfahrt österreichischer Jüdinnen und Juden nach Südamerika
„Ein jüngerer halbbruder meines Vaters hat in Wien in einer Bank gearbeitet, wo er irgend-
wie einmal eine kleinere Summe Geld gestohlen hat. Und da hat die familie sich nichts
Besseres ausdenken können, als diesen jungen Mann zu verbannen auf einen anderen Kon-
tinent, nach Argentinien. [...] Ja, er hat dann hier gelebt und hat dann meine Eltern gerufen.
Aber ich hab’ Briefe gefunden, wo meine Eltern nachgefragt haben, nachdem England
gesperrt war, ob sie ausreisen können: nach Peru, nach chile, nach Venezuela, nach Nor-
damerika, aber das erste was sie bekommen haben war die llamada von diesem halbbruder
nach Argentinien und sie sind hier legal hereingekommen, nicht irgendwie illegal.“ 1
Neben der familienzusammenführung existierte zwar noch die Möglichkeit der Einreise mit
einem Arbeitsvertrag, den jedoch die wenigsten erlangen konnten. Glücklicherweise gab es eine
Reihe von Tricks zur Umgehung der Gesetze. Zum einen existierte die Möglichkeit mit einem
Touristenvisum einzureisen: dabei mussten allerdings beträchtliche Geldmittel für die Reise
vorgewiesen und die Überfahrt in der ersten Klasse gebucht werden. Zum anderen gelangte
ein nicht unwesentlicher Teil der Emigrantinnen und Emigranten mit einem Transitvisum mit
endgültigem Ziel Bolivien, Uruguay oder Paraguay, das leichter zu erhalten war, nach Argen-
tinien.2
Einmal im Land, konn-
ten Touristinnen und Tou-
risten die Cédula de Iden-
tidad, den Personalausweis,
beantragen und sich unbe-
schränkt in Argentinien
aufhalten. Das Dekret vom
Juli 1938 verschärfte diese
Bestimmungen allerdings
drastisch, danach musste
das Touristenvisum alle drei
Monate erneuert werden.
Dennoch wurde diese Mög-
lichkeit der Einreise häufig
in Anspruch genommen.
Die argentinische histori-
kerin carlotta Jakisch hat
errechnet, dass in der Zeit
von 1923 bis 1933 12% aller
Reisenden aus Deutschland
in der ersten Klasse fuhren,
1933 bis 1941 aber zwischen
24% und 46%. In der Kate-
1 Interview mit Lisa Leist de Seiden, Buenos Aires, 11.4.2003
2 Archivo del Ministerio de Relaciones Exteriores y cultura, Autoridades Nacionales, Expediente 230/1938 und
División de lo contencioso administrativo, Expediente 203/1939.
Abb 1. Siegfried Wang aus Wien, erster von links, an Bord
der Württemberg auf dem Weg von Hamburg nach Argen-
tinien, 1927. Zwölf Jahre später konnte er seine Schwägerin
und ihre Kinder vor der nationalsozialistischen Verfolgung
retten, sein Bruder wurde in Buchenwald ermordet.
Aus der Sammlung von Edith Wang de Neustadt, Buenos
Aires
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 1/2015
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 1/2015
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2015
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 216
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal