Page - 171 - in Mobile Culture Studies - The Journal, Volume 1/2015
Image of the Page - 171 -
Text of the Page - 171 -
Mobile Culture Studies. The Journal 1 2o15
Philipp Mettauer | Die Überfahrt österreichischer Jüdinnen und Juden nach Südamerika 171
gorie „Tourist“ reisten also noch Personen
aus dem „Dritten Reich“ ein, als aufgrund
des Krieges und den Gefahren einer Über-
fahrt an eine Urlaubsreise nicht mehr zu
denken war. Der Schluss liegt nahe, dass
diese Personen flüchtlinge waren, die kein
anderes Visum mehr bekommen hatten.
(Jakisch 1994, 46)
Reise ins Unbekannte
Nach oft monatelangen Vorbereitungen,
ökonomischen wie bürokratischen Kämp-
fen und gewalttätigen Erniedrigungen voll-
zogen die österreichischen Jüdinnen und
Juden mit ihrer Abreise aus Wien den end-
gültigen Bruch mit ihrem bisherigen Leben,
trennten sich gezwungenermaßen von ihrer
ehemaligen heimat und traten in Sorge um
zurückbleibende Angehörige in eine Phase
der Ungewissheit und Unsicherheit.
Die Schiffsreise von Europa nach Über-
see selbst stellte eine Zwischenwelt dar, die
einerseits alle Emigrantinnen und Emigran-
ten unter ähnlichen Bedingungen durchque-
ren mussten, die aber andererseits stark von
der individuellen Situation abhängig war,
wobei faktoren wie die Erlebnisse seit dem
„Anschluss“, der Zeitpunkt der flucht, die
Unterbringung an Bord oder das Lebensalter
die Bewertung der Schiffsreise beeinflussten.
Die Vorstellung, mittel- und wohnungslos in
einem Land mit unbekannter Sprache und Kultur neu anfangen zu müssen, trug zusätzlich
zur atmosphärischen Prägung bei. Alle flohen in eine ungewisse, aber freiere Zukunft ohne
staatlichem Terror. Zwischen diesen beiden widersprüchlichen Polen pendelte die Stimmung
während der Überfahrt hin und her.
Jorge hacker erzählt im lebensgeschichtlichen Interview:
„Und schließlich das Abreisen mit nichts und meine Onkeln, die uns verabschiedet haben,
die nicht rauskonnten im Moment. Unsere Angst, das Angstklima hab’ ich sehr mitbekom-
men. Bis wir über Venedig nach Genua gekommen sind, in einem Zug. [...] Mein Vater hat
sich dauernd umgeschaut, ob uns die italienischen faschisten wieder ausliefern werden.
Wir haben in Genua vier, fünf Tage sehr peinlich auf ein Schiff gewartet, das uns nach
Südamerika wegführt. […]
Abb. 2. Fahrkarte von Stella und Friedrich Leist.
Die Überfahrt von Hamburg nach Buenos Aires
kostete für zwei Personen in der zweiten Klasse
1 310 RM. Bei einem Umrechnungskurs von
zwischen 3.5 und 4.5 zum heutigen Euro wären
das rund 4 600.- bzw. 5 900.
Aus der Sammlung von Lisa Leist de Seiden,
Buenos Aires
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 1/2015
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 1/2015
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2015
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 216
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal