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172 Mobile Culture Studies. The Journal 1 2o15
Philipp Mettauer | Die Überfahrt österreichischer Jüdinnen und Juden nach Südamerika
Die Schiffsreise war für mich und für uns drei überhaupt eine Mischung aus Nostalgie,
Melancholie, Unsicherheit, wo wir hinkommen, Sprachunkenntnis, völlig und naja, gleich-
zeitig eine Sensation, dass wir unser Leben gerettet hatten. Wir waren so pessimistisch
eingestellt damals, dass wir noch einige Zeit nach Ankunft noch nicht glauben konnten,
dass wir herauskamen.“3
Ernst Allerhand beschreibt die Schiffsreise folgendermaßen:
„Die Überfahrt ist mir sehr gut in Erinnerung, da wir von hamburg auf einem deutschen
Dampfer, auf einem fast könnte ich sagen Luxusdampfer gefahren sind. Es war ein Perso-
nen-, also kein frachtdampfer. Nur erste Klasse und Touristenklasse. Also nicht wie die
meisten der geplagten Emigranten, die ja auf fürchterlichen Schiffen, italienischen, fran-
zösischen, in der dritten Klasse unter Meeresspiegel zusammengepfercht waren. [...] Inter-
essant war die Überfahrt insofern, dass wir als Juden auf einem deutschen Schiff großartig
behandelt wurden. [...] Es ging so weit, dass am 20. April der Geburtstag des hässlichsten
aller Österreicher, also vom Adolf, gefeiert wurde mit einem großen Bankett. Dieser große
Widerspruch, dass für diese verfolgten Juden ein Bankett gegeben wurde mit Musik und
Tanz! Ein richtiges, ein ganz frugales Mahl mit einer eigenen Speisekarte! Bedient von
deutschen Ariern sozusagen, in feinster Weise! [lacht] Man hat sich jetzt schon ein bisschen
freier gefühlt; man hat sich immer weiter entfernt von Nazideutschland.“ 4
Auch Erich Spinadel erinnert sich im Interview an ein bestimmtes Datum während der Über-
fahrt, an die: „Berühmte Kristallnacht, die Reichskristallnacht. Da waren wir an Bord und
wir hörten schön die Rede des herrn Goebbels. Als wir dann in Buenos Aires ankamen, da
sagte uns der Kapitän: ‚Ich danke Gott, dass ich so eine disziplinierte Besatzung hatte!‘ Bei
3 Interview mit Jorge hacker, Buenos Aires, 4.9. 2002
4 Interview mit Ernst Allerhand, Buenos Aires, 10.7. 2002
Abb. 3. Rückseite der Fahrkarte. Jüdinnen und Juden durften nur sehr wenige Reichsmark
in bar über die deutsche Grenze mitnehmen. Jeglicher weiterer Geldtransfer sowie Mit-
nahme von Wertgegenständen waren untersagt. Auf der Rückseite der Fahrkarte informierte
daher die Hamburg-Südamerikanische Dampfschifffahrts-Gesellschaft, dass die zuläs-
sigen 10 RM nicht in Hartgeld, sondern als Reisebordschecks mitzunehmen sind.
Aus der Sammlung von Lisa Leist de Seiden, Buenos Aires
Mobile Culture Studies
The Journal, Volume 1/2015
- Title
- Mobile Culture Studies
- Subtitle
- The Journal
- Volume
- 1/2015
- Editor
- Karl Franzens University Graz
- Location
- Graz
- Date
- 2015
- Language
- German, English
- License
- CC BY 4.0
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 216
- Categories
- Zeitschriften Mobile Culture Studies The Journal